Echte Chancen hat Hartmut Siemon nicht zu bieten. Zwar beschäftigt das Unternehmen, dessen Chef er ist, 4400 Mitarbeiter und zählt somit zu den größten Arbeitgebern in Leipzig. Doch egal, wie sehr sich seine Leute ins Zeug legen oder auch nicht: Nach einem Jahr stehen fast alle wieder auf der Straße. Hartmut Siemon ist Leiter des stadteigenen Betriebs für Beschäftigung (bfb). Dort finden Langzeitarbeitslose einen Job auf Zeit. 3000 bekommen einen ABM-Vertrag anstelle von Arbeitslosenhilfe. Ein knappes Drittel hat das Sozialamt geschickt. Die haben dann nach einem Jahr Anrecht auf Arbeitslosengeld und fallen den städtischen Kassen nicht mehr zur Last. "Das ist die Schizophrenie unseres Sozialversicherungssystems", sagt Hartmut Siemon, der aus dem Ruhrgebiet nach Leipzig kam. "Wir dienen als Verschiebebahnhof von der Sozialhilfe ins Arbeitslosengeld."

Nicht nur im Osten greifen die Kommunen zu solchen Tricks. Denn sie sehen sich überfordert von den Sozialhilfekosten, die bis 1998 kontinuierlich gestiegen sind. Parallel zu den Arbeitslosenzahlen sinken sie seither im Westen, im Osten steigen sie weiter. Ende 1999 erhielten bundesweit 2,8 Millionen Menschen laufende Hilfe zum Lebensunterhalt. Das sind 3,4 Prozent der Bevölkerung. Allerdings: Sie auf Stadtkosten zu beschäftigen und so in die Arbeitslosenversicherung zu katapultieren, das greift nur bei einer Minderheit. Denn die Empfänger sind eine äußerst heterogene Gruppe. Und nicht nur die Arbeitsmarkt-, auch die Familienpolitik hat Einfluss auf ihre Zahl.

Über eine Million der Empfänger sind Kinder, stellt der Armuts- und Reichtumsbericht fest, den die Bundesregierung jetzt vorlegte. Bei den Haushalten, die laufend Hilfe erhalten, seien die von alleinerziehenden Müttern "bei weitem am stärksten" betroffen. "Fehlende Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Kindererziehung spielt hierbei eine wichtige Rolle", so der Bericht. Die Sozialhilfe stopft also auch Löcher, die eine unzureichende Familienförderung entstehen lässt.

1962 wurde die Sozialhilfe als letztes Netz für Kranke, Behinderte und Alte eingeführt. Sie sollte ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen, obwohl sie nicht arbeiten konnten. Damals herrschte Vollbeschäftigung, erste "Gastarbeiter" kamen ins Land. Seither hat sich nicht nur die Lage auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch die der Familien entschieden verändert. Immer mehr Scheidungen, immer mehr außerehelich geborene Kinder stehen einer zunehmenden Mobilität gegenüber. Immer seltener können sich Großmütter um die Enkel kümmern, während die Mutter arbeiten geht. Der Vorschlag, die Sozialhilfe generell zu kürzen, um hinreichend Abstand zu niedrigen Löhnen zu schaffen und die Empfänger zur Arbeit zu motivieren, geht deshalb an der Realität vorbei. Er trifft weit häufiger die Falschen: Kinder und ihre Eltern, die der Staat doch eigentlich fördern will.

"Wenn man die Sozialhilfe um zehn Prozent kürzt, würde das etwa 50 000 Leute dazu bringen, eine Arbeit anzunehmen", sagt Viktor Steiner vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. "Das ergäbe also keine Rieseneffekte." Nur 1,7 der 2,8 Millionen Sozialhilfeempfänger sind im arbeitsfähigen Alter. Weit über die Hälfte davon können keinen Job annehmen, vor allem weil sie zu kleine oder zu viele Kinder betreuen. Oder weil sie behindert oder krank sind.

Wer arbeiten könnte, bekommt nur Sozialhilfe, wenn er arbeitslos gemeldet ist. Das sind 690 000 Menschen, ein Viertel aller Hilfebezieher. Ein Teil von ihnen bekommt gleichzeitig Arbeitslosenhilfe. Die beträgt 50 bis 57 Prozent des letzten Lohns und ist manchmal so niedrig, dass sie vom Sozialamt aufgestockt wird. "Wenn es bei der Arbeitslosenhilfe einen existenzsichernden Mindestbetrag gäbe, würde die Zahl der Sozialhilfeempfänger um 5 bis 10 Prozent sinken", sagt Stephan Leibfried, Professor am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.

Das würde bedeuten, dass sich die Arbeitslosenhilfe nicht mehr nur am ehemaligen Verdienst orientiert, sondern mindestens an den Sozialhilfesätzen.