Das Genre der populären Gesellschaftsdiagnostik liegt in Deutschland ziemlich am Boden. Wie sich die soziale Welt in oben und unten gliedert, in alte Klassen und neue Schichten, in Lebensstile, Generationen und kulturelle Milieus - über all das liest man derzeit eher wenig Originelles. Das war nicht immer so.

Politisch wirksam ist Gesellschaftsdiagnostik in der Vergangenheit immer dann gewesen, wenn sie kollektive Lebensgefühle in prägnante Bilder übersetzte.

Wer wir sind, hängt immer auch davon ab, mit welchen Vokabeln wir uns kollektiv beschreiben: In der frühen Bundesrepublik war es nicht zuletzt Helmut Schelskys suggestiver Begriff der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft", der die überkommene Vorstellung der Deutschen untergrub, sie lebten in einer Gesellschaft antagonistischer Klassen. In den achtziger Jahren wiederum leuchtete Ulrich Beck die soziale und mentale Welt der Deutschen mit seiner Kategorie der "Risikogesellschaft" auf überraschend neue Weise aus.

Spätestens seit die großen Gesellschaftsentwürfe verblichen sind, gerät die soziale Begriffsbildung bescheidener. Da und dort erfindet man zwar noch unterhaltsame Soziologeme: die diffuse "Neue Mitte", die harmlose "Generation Golf", neuerdings Angela Merkels wolkige "Wir-Gesellschaft". Doch dass schnell zurechtgezimmerte Schlagworte dieser Art die soziale Situation der Zeit präzise auf den Punkt brächten, behauptet niemand.

Dass es auch anders geht, führen immer wieder amerikanische social critics vor. David Brooks' munteres Buch über die Bobos, also jene "bourgeoisen Bohemiens", die der Autor für die neue Elite des Informationszeitalters hält, ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie aufgeweckt sich über gesellschaftliche Trends schreiben lässt. Das Buch, im amerikanischen Original mit dem (viel zutreffenderen) Untertitel The New Upper Class and How They Got There versehen, führt eine einfache These stringent aus: Nach jahrzehntelangem Kulturkampf zwischen dem spießbürgerlichen Mainstream und dessen alternativen Verächtern habe sich in Amerika ein neues soziales und kulturelles Gleichgewicht eingependelt.

Unter den neuen Bedingungen des Informationszeitalters, so Brooks, hätten sich die feindseligen Lager aufeinander zu bewegt. Aus den Aufrührern von einst sind genießerische Materialisten geworden, aus den prüden Spießern tolerante Zeitgenossen mit Hang zu Cappuccino und Konsum. Gemeinsam, verschmolzen zum neuen "Bobo-Establishment", genießen sie nun als "Konservative in Jeans" ein temperiertes Leben des Genusses und der materiellen Sicherheit. Ziemlich langweilig mag das sein, findet der bekennende Bobo David Brooks sogar selbst. Aber es habe seine Vorteile: "Vielleicht braucht unser Land jetzt einfach ein bisschen Ruhe, damit sich die neuen gesellschaftlichen Normen stabilisieren können und der Bobo-Konsens greift."

Ob das alles so stimmt? Wohl nicht. Denn die große Bobo-Ruhe war trügerisch.