Vielleicht entschied sich diese deutsche Karriere am Nachmittag des 21. Juni 1986 in Monterrey, Mexiko. Der Spieler Servin verschießt den entscheidenden Strafstoß, Deutschland gewinnt das WM-Viertelfinale gegen Mexiko im Elfmeterschießen und wird acht Tage später Vizeweltmeister. Hätte Servin getroffen und sein Team noch gewonnen, wäre die Blutgrätsche der deutschen Presse auch an Franz Beckenbauer nicht vorübergegangen. Das Aus im Viertelfinale wäre das Ende des Teamchefs Beckenbauer gewesen. Und dann?

Keine Weltmeisterschaft 1990, keine deutsche Meisterschaft für ihn, keine WM 2006 bei uns daheim. Kein Mythos Beckenbauer.

Aber Servin trifft nicht. Seither verfolgt uns der Mann aus München-Giesing.

Als Teamchef (einen richtigen Trainerschein hat er nie gemacht). Im Fernsehen, wo er sinnfreie Plauderstunden bereits salonfähig machte, als auf Zlatkos Brust noch kein Haar gesprossen war. Auf den Tribünen der Stadien dieser Welt, wo er dekorativ herumsitzt wie der Reklameonkel, der unserer Oma eine von den roten Bayern-München-Heizdecken andrehen will. Die Kameras hängen an seinem Gesicht wie die Groupies am Hintern eines Teeniestars, und die Lavaters der Sport-Hofberichterstattung, die Töppis, Waldis und Rubis dieser Welt, versuchen zu ergründen, ob der Kaiser seinen Untertanen grollt oder doch nur ein Eisbein quer sitzen hat. Ach, Servin, du hast Beckenbauer zu dem gemacht, was er heute ist: unangreifbar. Unvermeidbar. Der bekannteste Deutsche der Welt. Der graumelierte Fanartikel der Nation.

Nur der Boss aller deutschen Fußballer ist er noch nicht. Und wird es auch nicht werden, wenn am Sonntag der neue Präsident des Deutschen Fußball-Bundes gekürt wird. Warum eigentlich nicht? Beckenbauer brauche bloß mit dem Finger zu schnippen, dann werde er gewählt, wird zwar kolportiert, vor allem von jenen Medienunternehmen, die ihn bezahlen. Doch die Wahrheit sieht anders aus: An der Basis, im Niemandsland der Aschenplätze und ehrenamtlichen Vereinsmeierei, ist der Chef der profitgierigen Bayern nicht gut gelitten.

Die da unten akzeptierten schon den Vizepräsidenten Beckenbauer nur, weil der amtierende Boss Egidius Braun darauf bestand. Würde Beckenbauer sich in Magdeburg dem Fußball-Bundestag zur Wahl stellen, bekäme er kaum 20 Prozent der Stimmen, vermutet einer aus der Führungsetage des DFB.

Weil Beckenbauer das ebenso ahnt wie die mit dem Amt verbundene Bürde, hält er selbst sich zurück. Sein Stellungsspiel funktioniert im richtigen Leben so traumwandlerisch sicher wie einst auf dem Platz. Nie rannte er unerreichbaren Bällen hinterher, nie strebt er Posten an, auf denen die Kärrnerarbeit geleistet wird. Dafür gibt es überall in Franz' Welt ein paar Leute wie Katsche Schwarzenbeck, jener legendäre Vorstopper des Kaisers. Franz ist doch keiner, der am Schreibtisch sitzen kann, sagt Gerhard Mayer-Vorfelder, der geschäftsführende Präsident des DFB. Etwas konzeptionell zu entwickeln, die dicken Bretter zu bohren, das interessiert ihn null. Aber jeder hat seinen Platz. Er ist die Galionsfigur. Aber die bestimmt nicht die Richtung, die bestimmt der Steuermann. Und der wird auch nach dem 28. April Gerhard Mayer-Vorfelder heißen