Jede Stadt ist auch Metapher. Stuttgart, zum Beispiel, liegt im Kessel, spricht eine Sprache, die die Welt gern kleiner und runder hätte, und gilt als lebensängstlich. Hans Neuenfels hat ein Stück geschrieben und - im Stuttgarter Staatstheater - uraufgeführt, das Neapel oder die Reise nach Stuttgart heißt. Logisch, dass es vom Abstand zwischen Wunsch und Wirklichkeit handelt. Eine Hausfrau in einem Regenmantel, den sie nie auszieht, obwohl er doch die Arbeitskleidung der Exhibitionisten ist, besorgt das Geschäft der Selbstenthüllung rhetorisch: Ihre Söhne sind schwul, ihr Mann ist ein Wrack, ihr Leben ein Abgrund. Elisabeth Trissenaar bewährt sich als verkaterte Mauerschauerin mit wehenden Gliedern. Sie sonnt sich von innen in altem Glück, doch schon der nächste Gedanke lässt ihr Gesicht gewittrig werden. Sie macht Panikkonversation, als wollte sie unsichtbare Gäste am Aufbruch hindern. Leider kommentiert sie sich gern selbst. Sie nennt sich "eine schwäbische Hausfrau, die in eine griechische Tragödie geraten ist", und schleppt den wissenschaftlichen Schwäbische-Hausfrauen-Erklärungsapparat immer mit. Wir lernen: Neapel ist die Stadt am Vesuv, Stuttgart ist die Stadt im Krater. Stuttgart ist sozusagen ein umgedrehter, nach unten und innen speiender Vulkan, von dessen Energie uns Neuenfels nur etwas Qualm, ein Nachspiel im Aschenbecher, überliefert. Im zweiten Stück des Abends, Meine Mutter nach Georges Bataille, beschwört ein Sohn seine tote inzestuöse Mama herauf. Der junge Schauspieler Kai Schumann gibt sich alle Mühe, anzuschieben, was nicht ins Rollen kommen kann. Im Notrufsäulentonfall fleht er: Holt Mutter zurück! Oder werft mich ihr nach! Nicht die Flammenglut eines Bataille, allenfalls der Salonruß eines Georges Simenon ist zu spüren.

Elisabeth Trissenaar übersteht in Würde und textsicher die Doppelséance: Im ersten Teil kämpft sie ums Überleben in Halbhöhenlage, im zweiten Teil agiert sie locker aus der Tiefe, als Untote, die nicht loslassen kann und nicht losgelassen wird.