Letztes Jahr in Bayreuth hat Giuseppe Sinopoli die Neuproduktion von Wagners Ring des Nibelungen dirigiert. 16 Stunden lang konnte man studieren, wie er mit Musik umgeht: Penibel war er präpariert für die Riesenaufgabe, mit akribischem Ernst widmete er sich den Details in der Partitur. Während sich andere Ring-Dirigenten auf die spektakulären, rauschhaften Höhepunkte und den illusionistischen Zauber bei Wagner konzentrieren, hat Sinopoli das Ergreifende im vermeintlich Unscheinbaren gesucht, in ganz genau ausgehörten Farbschattierungen, in präzise nachgezeichneten Motivverflechtungen und wie gezirkelt erklingenden Übergängen. So sehr, dass es einem manchmal - bei aller Distinktion - zu viel werden konnte, dass man das Gefühl hatte, es so genau gar nicht wissen zu wollen, wenn die Detailliebe auf Kosten des großen Schwungs geht. Sinopoli hat aber in der Bayreuther Aufführungsserie (insbesondere in der Götterdämmerung) auch eine andere Seite seiner Künstlerpersönlichkeit deutlich werden lassen: eine reflektierte und trotzdem bohrende Leidenschaft im Umgang mit der Musik

die Fähigkeit, sich im Partiturgewebe mit unbedingtem Ausdruck und expressivem Tonfall aufzureiben.

Auf den kühlen, unnahbaren Intellektuellen, den manche in ihm sehen wollten, lässt er sich nicht reduzieren.

Dieses Bild ist wohl allzu selbstverständlich aus der Tatsache abgeleitet worden, dass Sinopoli viele Begabungen zugleich hatte und nicht nur eine musikalische Ausbildung beim legendären Wiener Dirigentenlehrer Hans Swarowsky: Er war promovierter Mediziner, hatte sich in die Psychologie vertieft und vor nicht allzu langer Zeit auch noch eine Dissertation im Fach Archäologie abgeliefert. Dass seine Interpretationen gern als "psychoanalytisch" gedeutet wurden, konterte er mit der ironischen Bemerkung, die Beschäftigung mit dem akkadischen König Sargon oder seine Studien über die rotfigurigen attischen Vasen seien womöglich genauso bedeutend für seine musikalische Arbeit wie die Psychoanalyse.

Gleichwohl: Ein schwärmerischer Draufgänger bei Wagner und Richard Strauss, bei Verdi, Puccini und den Komponisten der Zweiten Wiener Schule, denen er sich bevorzugt widmete, war er zuallerletzt. Sinopoli suchte nach dem Urgrund in allen Dingen, und was er dabei in der Musik zutage förderte, hat die Fachwelt nicht selten gespalten - die einen fanden seinen Zugang zu den Stücken verschroben und abwegig und hielten ihn als Dirigenten für überschätzt, für die anderen war er eine leuchtende Figur intelligenter und skrupulöser Interpretationskunst. Es gibt bemerkenswerte Verdi- und Richard-Strauss-Einspielungen von ihm, aber in Bayreuth konnte man auch zum Beispiel einen unsäglich langweiligen Parsifal hören.

Wer Sinopoli erst in den letzten zehn Jahren als Künstler wahrgenommen hat, kennt ihn als gefragten Stardirigenten und kann sich kaum noch vorstellen, dass er ursprünglich als ambitionierter Komponist (gefördert unter anderem von Bruno Maderna) reüssiert hat - bis zur Uraufführung seiner Nietzsche-Freud-Oper Lou Salome, 1981 an der Bayerischen Staatsoper, die bei der Kritik durchfiel. Danach konzentrierte er sich auf seine Dirigentenlaufbahn. Eine Kehrtwende, die ihm die Neue-Musik-Szene nicht verziehen hat, zumal er sich seither kaum mehr stark gemacht hat für Kompositionen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine nachhaltigsten Erfolge als Dirigent feierte Sinopoli im Opernmetier. Die dramatische Form lag ihm, für die Arbeit mit Sängern hatte er viel Fingerspitzengefühl.

In der Oper reißt sein plötzlicher Tod nun auch die schmerzlichsten Lücken.