Viele Menschen wissen erstaunlich viel über unsere Welt: Wie wir leben, wie wir kochen, essen und was sonst noch interessiert - sie haben es erlebt und registriert. Manche wissen sogar mehr als ich und freuen sich deshalb. Ich freue mich auch

denn so erfahre ich Dinge, von denen ich bisher keine Ahnung hatte.

Da ist zum Beispiel die Stadt Rotterdam. Sie ist in diesem Jahr neben Porto die Kulturhauptstadt Europas. Weil sie einmal so schön war? Ich weiß es nicht. Dass die Stadt im Mai 1940 von deutschen Bombern barbarisch verwüstet wurde, daran wird man hier auf Schritt und Tritt erinnert. Auch an Erasmus selbstverständlich, den Humanisten und Kritiker Luthers. Er schrieb das Lob der Torheit und andere kluge Bücher und gehört zu den Säulenheiligen alter Gymnasiasten.

Aber dass er Erasmus von Rotterdam heißt, ist ebenso fragwürdig wie die Angabe meines Geburtsortes: Duisburg. Dort haben mich meine Eltern zwar in die Welt gesetzt, aber drei Monate später in andere Städte des Ruhrgebiets verschleppt. Duisburg habe ich danach nie wiedergesehen. Erasmus war ebenfalls ein unbehauster Mensch, schrieb aber, im Gegensatz zu seinem Kollegen Montaigne, selten über Gasthäuser. Er lebte mal hier, mal dort.

Seine Verbindung zu Basel, Rom und zu England war zweifellos inniger als die zu Rotterdam. Trotzdem steht vor der Laurenskirche ein Denkmal, das ihn darstellt, wie er in einem Buch lesend innehält.

Wenn ein Mensch in der Stadt herumsteht und ein Buch liest, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich um den Guide Michelin handelt, der sich neuerdings der Rote Führer nennt. (Ach, wenn Mao das noch erlebt hätte!) Mit diesem Buch in der Hand, wo landet der Besucher in Rotterdam? Im Hotel New York oder, wenn er der Gourmandise verfallen ist, im Restaurant Parkheuvel.

Und schon füllt sich der Begriff Kultur mit Leben.