Wenn einer nach Jahrzehnten seine Heimatstadt wiedersieht, ist das eine Rückkehr in die Erinnerung. Und wenn die Stadt Palermo heißt, sind das auch Erinnerungen an nächtliche Schüsse, die später keiner gehört haben will. Wer betet, so heißt es hier, trägt gerade keine Waffe in der Hand, und "hinter jedem Fenster hängt eine Geschichte": So empfindet es Mimmo, der Ich-Erzähler in Palermo flüstert. Er streift durch Gassen und Hinterhöfe, verwebt Erlebtes und Erdachtes zu einem Kaleidoskop aus Bildern und Musik, über die sich poetische Sätze legen wie das Blau über das Meer. Ähnlich seinem Überraschungserfolg Taxi Lisboa, in dem er den steinalten Taxifahrer Macedo begleitete, zeichnet Wolf Gaudlitz ein Stadtporträt auf den Spuren der Bewohner. Da ist der fast blinde Simone, der drei Söhne verlor und dennoch die Schönheit des Lebens preist. Oder Leoluco Orlando, Symbolfigur im Kampf gegen die Mafia. Er repariert eine Turmuhr, als habe er das seit jeher getan.

Die Kamera zeigt Häuser, Hügel und "das Meer, das wie ein Teppich liegt, der zum Paradies führt und alles Rot der Gewalt mit Sanftmut überdeckt". Dazu die Stadt im Abendlicht, wie sie sich vom Meer aus zeigt, als goldene Muschel.

Gaudlitz, der lange in Palermo lebte, hat es erneut geschafft, gegen alle Marktgesetze einen seiner Filmessays zu drehen, in denen man sich verliert wie in einem magischen Traum. Bei einem Budget von 800 000 Mark mussten die Darsteller Laien sein

nur die Hauptfigur gibt der Puppenspieler Mimmo Cuticchio. Ein Seelenverwandter des Regisseurs und Weltenbummlers Gaudlitz, der inzwischen im Lkw wohnt: Zur Ausstattung zählen zwei Leinwände, darauf führt er manchmal seine Filme vor. Cinema Paradiso.