Ob Monarchie, ob Diktatur, ob Republik - die allgemeine Wehrpflicht ist, von der Weimarer Zeit einmal abgesehen, seit dem frühen 19. Jahrhundert eine Grundkonstante der preußisch-deutschen Militärverfassung. Doch jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges, da alles nach einer "Friedensdividende" verlangt, steht sie aus finanziellen Rücksichten, aus Gründen der Wehrgerechtigkeit, aber auch aus fachlichen Überlegungen heraus zur Disposition. Selbst wenn manche Militärs und, mehr noch, viele Politiker das nicht wahrhaben wollen, scheint nun auch in Deutschland - wie zuvor schon in vielen EU-Staaten - ihr Ende gekommen zu sein. Wie so häufig in fundamentalen politischen Fragen der Republik könnte das Bundesverfassungsgericht schon bald ein Urteil fällen, das eine grundlegende Neuorientierung einleitet.

Grund genug, sich der Geschichte der Wehrpflicht in Deutschland zu erinnern - und ganz besonders der vielen Legenden, die sie bis heute umgeben.

Eine dieser Legenden stammt von Theodor Heuss, dem ersten Präsidenten der Bundesrepublik. Im Jahre 1949, anlässlich der Beratungen über das Grundgesetz, erklärte er die Wehrpflicht zum "legitimen Kind der Demokratie" - eine Bemerkung, die später zum Taufspruch der Bundeswehr werden sollte.

Doch historisch betrachtet, war Heuss' Diktum ebenso verfehlt wie die Vorstellung, die volle Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht sei in Preußen-Deutschland seit Anfang des 19. Jahrhunderts so etwas wie der Normalzustand gewesen. Vielmehr war sie bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ein heftig umstrittenes politisches Machtmittel, dessen vollständige Verwirklichung im Übrigen nur auf dem Papier stand. Von Wehrgerechtigkeit konnte dabei kaum gesprochen werden.

Die Wehrpflicht in ihrer modernen Form entwickelte sich aus der Französischen Revolution. Als das revolutionäre Frankreich 1792 den Krieg mit den konservativen Mächten begann, stellte es den Söldnerarmeen seiner Feinde schon bald Massenheere entgegen, deren Grundlage der Enthusiasmus Tausender von Freiwilligen war. Es handelte sich um eine militärische Revolution, bedeutete dies doch den Bruch mit dem System der stehenden Berufsarmeen, die das Kriegsbild des 18. Jahrhunderts bestimmt hatten. Stattdessen griffen nun die Bürger zu den Waffen, um "ihren" Staat, ja die Nation, gegen den Feind zu verteidigen. Damit war die Idee des Volkskrieges geboren. Der preußische Offizier Carl von Clausewitz, jener kluge Beobachter der Revolutionsepoche, schrieb später: "Der Krieg war plötzlich wieder eine Sache des Volkes geworden, und zwar eines Volkes von 30 Millionen, die sich alle als Staatsbürger betrachteten."

Doch der revolutionäre Elan der Freiwilligen reichte angesichts der Schrecken des Krieges schon bald nicht mehr aus, um den Truppen den nötigen Ersatz für ihre Verluste zu gewährleisten. Lazare Carnot, im Wohlfahrtsausschuss für das Kriegswesen zuständig, erdachte sich 1793 deshalb eine neue Maßregel: Die levée en masse, die Wehrpflicht für alle ledigen Männer zwischen 18 und 25 Jahren. Ein Jahr später beabsichtigten die Jakobiner sogar, die gesamte Bevölkerung für den Krieg zu mobilisieren. Das ließ sich nun doch nicht verwirklichen. Aber die Wehrpflicht für jüngere Männer blieb, wurde 1798 kodifiziert und erst nach dem Ende der Kriegsperiode im Jahre 1815 wieder abgeschafft.

Auch wenn Frankreich schon aus wirtschaftlichen Gründen sich zu keiner Zeit in der Lage sah, die Wehrpflicht voll auszuschöpfen, so war doch ein Instrument entstanden, das den Armeen der Revolution und Napoleons ein gewaltiges Reservoir an immer neuen Soldaten garantierte. Die französischen Truppen überrannten fast ganz Europa, und selten nur waren ihnen die traditionellen Söldnerheere ihrer Gegner gewachsen.