Nachgefragt Professor Ronald Schmid (51) ist Rechtsanwalt in Frankfurt/M. und Experte für Luftverkehrs- und Reiserecht, das er an der TU Darmstadt lehrt. Er vertritt Angehörige der Concorde-Opfer

Die Zeit: Herr Schmid, sie vertreten - gemeinsam mit vier Kollegen - fast alle Hinterbliebenen der deutschen Opfer des Concorde-Absturzes vom 25. Juli 2000. Einzelne Angehörige werden allerdings von anderen Anwälten beraten und klagen jetzt vor einem US-amerikanischen Gericht in New York.

Ronald Schmid: Dieses Vorgehen ist für mich unverständlich und hat bei den Verhandlungen mit der Air France kurzfristig auch zu Irritationen geführt.

Zwar haben auch wir von Anbeginn keinen Zweifel gelassen, dass wir notfalls eine Klage vor einem US-Gericht anstrengen könnten, doch aus meiner Sicht gab es dafür bislang keine Notwendigkeit.

Zeit: Sie haben sich jedenfalls mit Air France auf ein Angebot zur außergerichtlichen Einigung verständigt, das derzeit Ihren Mandanten vorliegt. Danach sollen die Angehörigen der Concorde-Opfer Entschädigungen erhalten, die in Deutschland so noch bei keinem derartigen Unfall gezahlt wurden.

Schmid: Richtig. Die Beträge werden über den Höchstgrenzen des Warschauer Abkommens von 53 500 Mark liegen. Allerdings ist die kolportierte Zahl von 3 Millionen Mark pro Opfer völliger Unsinn. Ich erwarte aber, dass meine Mandanten das Angebot akzeptieren.

Zeit: Was hätte den Angehörigen denn nach deutschem Recht zugestanden?

Schmid: In vielen Fällen fast nichts, denn in Deutschland werden nur so genannte wirtschaftliche Schäden wie etwa Unterhaltsansprüche, Kosten einer Heilbehandlung oder Beerdigungskosten ersetzt, und das im Regelfall auch nur bis zu 53 500 Mark. Schmerzensgeld für den Verlust einer nahe stehenden Person gibt es dagegen im Deutschen Luftverkehrsrecht nicht.

Nachgefragt Professor Ronald Schmid (51) ist Rechtsanwalt in Frankfurt/M. und Experte für Luftverkehrs- und Reiserecht, das er an der TU Darmstadt lehrt. Er vertritt Angehörige der Concorde-Opfer

Zeit: Warum können deutsche Geschädigte überhaupt vor amerikanischen Gerichten klagen?

Schmid: Bei Luftfahrtunfällen sieht das Warschauer Abkommen als möglichen Gerichtsstand auch den Zielort einer Reise vor, und der war in unserem Fall New York. Auch wenn der Sitz des Unternehmens in den USA liegt oder das Ticket dort gekauft wurde, kann ein Gerichtsstand an einem amerikanischen Gericht begründet werden. Das ist aber nur selten gegeben.

Zeit: Das Warschauer Abkommen von 1929 wird durch das Montrealer Abkommen ersetzt. Was ändert sich?

Schmid: Entscheidendes. Der Luftfrachtführer haftet dann unbegrenzt für den entstandenen und konkret nachgewiesenen Schaden, und zwar bis 250 000 Mark pro Passagier, unabhängig vom Verschulden. Zudem ist zwingend eine Vorauszahlung von rund 42 000 Mark als Soforthilfe an die schadensersatzberechtigte Person zu zahlen. Ich hoffe, dass das Abkommen endlich von genügend Staaten ratifiziert wird, um in Kraft treten zu können.

Zeit: Wird dann auch der immaterielle Schaden abgedeckt?

Schmid: Nein, ob es Schmerzensgeld gibt, bestimmt nach wie vor das nationale Recht. Es wird daher höchste Zeit, dass auch in Deutschland Schmerzensgeldansprüche geschaffen werden! Unsere jetzige Regelung ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Zeit: Das Montrealer Abkommen wird jedem Reisenden die Möglichkeit eröffnen, Forderungen aus Flugunfällen unabhängig von Veranstalter und Reiseziel alternativ auch in seinem Heimatland einzuklagen. Damit haben sich insbesondere die Amerikaner den Weg zu ihren Gerichten gesichert. Was bedeutet dies in Zukunft für die Versicherer der Veranstalter?

Nachgefragt Professor Ronald Schmid (51) ist Rechtsanwalt in Frankfurt/M. und Experte für Luftverkehrs- und Reiserecht, das er an der TU Darmstadt lehrt. Er vertritt Angehörige der Concorde-Opfer

Schmid: Es ist damit zu rechnen, dass die Kosten bei den Versicherungen dann steigen werden. Zwei bis drei Großschadensfälle pro Jahr mit Großraumflugzeugen von jetzt 300 bis 400, künftig sogar 500 bis 600 Passagieren, bringen auch dem Versicherungsmarkt Probleme. Und die Airlines werden dann mit Sicherheit versuchen, die höheren Prämien an den Fluggast weiterzugeben.

Zeit: Bekommen wir dann auch in Europa amerikanische Verhältnisse, also etwa Millionenbeträge an Schmerzensgeld selbst für kleinere Verletzungen?

Schmid: Das sehe ich derzeit nicht. Aber auf längere Sicht kann es durchaus zu einer Amerikanisierung des Anspruchsdenkens auch außerhalb der USA kommen.

INTERVIEW: MATTHIAS RUCH