Dem Kanzler gefällt das Leben im Unvollendeten. Und am liebsten wäre es ihm, er könnte in diesem Provisorium bleiben. Hier hatte man ihn kurzerhand einquartiert, als vor zwei Jahren die Regierung nach Berlin umzog und an seinem neuen Amtssitz noch mächtig gebaut wurde. Rasch gewöhnte sich Gerhard Schröder an das alte Staatsratsgebäude, in dem sich Pomp und Biederkeit aufs merkwürdigste mischen. Dass von hier aus die SED-Bonzen einst ihre Diktatur lenkten, störte ihn nicht weiter. Er war in dieses Gebäude hineingeschlüpft wie in den Mantel eines Fremden, kein besonders schmuckes Exemplar, dafür aber so wunderbar weit geschnitten, dass er sich darin wohl fühlen konnte.

Nun aber soll er sich umziehen, denn neue, seltsam prachtvolle Staatsgewänder warten auf ihn. Eigentlich ist Schröder ja niemand, der die Selbstdarstellung scheute, und doch ist ihm der anstehende Hüllenwechsel nicht ganz geheuer.

Wird er sein Ansehen verändern? Bekommt das Amtsleben ein anderes Schnittmuster?

Zumindest dürfte das neue Staatsgehäuse, das am 2. Mai feierlich eröffnet wird, den Kanzler exponieren, mehr denn je. Bislang agierte er im Schutz der historischen Kulissen, niemand kam auf die Idee, dass diese etwas vom Selbstverständnis der Nation verkörpern könnten. Den Neubau allerdings wird man als Symbol begreifen, als eine gebaute Regierungserklärung. Deutlicher als jedes andere Gebäude lädt das Kanzleramt dazu ein, es als Monument der Berliner Republik zu verstehen, zogen doch alle übrigen Ministerien und Verfassungsorgane in bestehende Palais und Bürohäuser und leisteten sich allenfalls einen Anbau. Nur in den Weiten des Spreebogens kam das vereinte Deutschland nicht drum herum, sich eine Form zu geben.

Besonders viele Freunde allerdings hat sich diese bislang nicht gemacht, ein wenig ratlos stehen die Passanten davor, einige fremdeln, andere sind empört.

Vor allem irritiert sie die Dimension des Baus und dessen ungewöhnliche Lust am freien Formenspiel. Dass die lang gestreckten Seitenflügel mit ihren 18 Metern Höhe niedriger sind als das normale Berliner Mietshaus, dass selbst der aufgebockte Kanzlerkubus noch unter der Firsthöhe vieler Geschäftshäuser an der Friedrichstraße bleibt, mag kaum jemand glauben. Dem Kanzleramt fehlt die Nachbarschaft, die Einbettung ins Städtische, vor allem deshalb wirkt es so groß und fremd. Immer noch fühlt man sich im Spreebogen wie in einem Neubaugebiet, alles ist nackt und rein, es gibt weder Büsche noch Bäume, das Leben hat noch nirgends Spuren hinterlassen.

Doch auch wenn der Alltag eines Tages eingezogen sein wird - die Größe des Kanzleramts wird beeindruckend bleiben, gerade so, wie es sich der Bauherr Helmut Kohl einst gewünscht hatte. Er wollte in Berlin etwas Herausragendes errichten und änderte deshalb sogar den städtebaulichen Masterplan des Regierungsviertels. Eigentlich war vorgesehen gewesen, dass dort im Band des Bundes, einem langen Gebäuderiegel in Ost-West-Richtung, alle Neubauten die gleiche Höhe haben sollten, um dem Reichstag die volle Lufthoheit zu überlassen. Kohl aber überstimmte diese Pläne der Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank, er brach die egalitäre Ordnung auf und erhob sich und sein Amt über Abgeordnetenbüros, Ausschusssäle und Bundestagsbibliothek. Kohl wünschte sich ein Zeichen für das neue, vereinte Deutschland, ein Nationalsymbol ersten Ranges. In seiner Größe erinnert es ein wenig an die überbordenden Rathäuser, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in vielen deutschen Städten entstanden waren. Hamburg etwa errichtete damals ein gewaltiges Monument der Bürgermacht, obwohl die Hansestadt durch die Reichseinigung ihre Autonomie eingebüßt hatte. Und ganz ähnlich gibt sich jetzt auch das Berliner Kanzleramt groß und bedeutend, gleich so, als wollte es vom Ende des Nationalstaats, vom Projekt Europa nichts wissen.