Sie sind Skorpion? Dann sind Sie bestimmt leidenschaftlich. Das Barometer fällt? Dann wird es regnen. Sie leben unterhalb des 20. Breitengrads? Dann ist Ihr Land arm. Man kann darüber streiten, welche dieser Aussagen wahr ist, aber nur eine ist wirklich anstößig - die dritte. Man nimmt Anstoß, weil sie nach Rassismus riecht und die Idee der Chancengleichheit unter den Nationen und Individuen untergräbt. Überdies klingt der Gedanke, die geografische Lage eines Landes bestimme seine wirtschaftliche Entwicklung, defätistisch: Was könnten Politiker dann überhaupt ausrichten, wo doch nichts und niemand die räumliche Lage eines Landes verrücken kann?

Nun ist es seit 50 Jahren das erklärte Ziel der internationalen Gemeinschaft, das Einkommensgefälle zwischen reichen und armen Ländern zu beseitigen. Zu diesem Zweck entstanden Einrichtungen wie die Weltbank, Programme und Organe der Vereinten Nationen, regionale Entwicklungsbanken wie die Inter-American Development Bank (IDB) sowie zahllose Stiftungen, Forschungszentren und andere regierungsunabhängige Organisationen. Doch das globale Gefälle zwischen reichen und armen Ländern besteht fort. Es ist sogar größer geworden. Der Volkswirtschaftler Angus Maddison schätzt, dass Westeuropa im Jahr 1820 knapp dreimal so reich wie Afrika war - bis 1992 ist dieser Faktor auf 13,2 gestiegen. Die Tendenz setzt sich, wenngleich weniger dramatisch, auch im Vergleich mit Südasien, mit dem Mittleren Osten und mit Lateinamerika fort. 1997 verfügten die reichsten 20 Prozent der Weltbevölkerung über das 74fache des Einkommens der ärmsten 20 Prozent 1960 war es noch das 30fache.

Nun weisen die zurückgebliebenen Länder häufig charakteristische Merkmale auf: Sie liegen zumeist in tropischen Regionen oder sind beim Zugang zu den Weltmärkten aufgrund ihres Standorts mit hohen Transportkosten belastet - oder beides. 1995 betrug das Durchschnittseinkommen in den Tropenländern ungefähr ein Drittel desjenigen in den Ländern der gemäßigten Breiten. Von den 24 als "industriell" klassifizierten Ländern liegt, mit Ausnahme des nördlichen Australiens und der Hawaiianischen Inseln, kein einziges zwischen den Wendekreisen des Krebses und des Steinbocks.Von den 30 reichsten Ökonomien der Welt liegen lediglich Brunei, Hongkong und Singapur in tropischen Zonen - und deren geografischer Standort ist ideal für ein Wachstum durch Handel. Nationen hingegen, die weit entfernt vom Meer liegen, sind tendenziell ärmer und zeigen niedrigere Wachstumsraten als Küstenländer.

Ein Land, dessen Bevölkerung mehr als 100 Kilometer zum Meer zurücklegen muss, entwickelt sich typischerweise um 0,6 Prozent langsamer als eines, dessen Menschen innerhalb der 100-Kilometer-Entfernung zum Meer leben.

Um zu verstehen, warum die Geografie für die wirtschaftliche Entwicklung eine so große Rolle spielen kann, müssen wir einen Blick auf das werfen, was Volkswirtschaftler als die stärksten Motoren des Wachstums ansehen: Marktzugang und technischen Fortschritt. Für den schottischen Nationalökonomen Adam Smith (1723 bis 1790) war das Geheimnis des Reichtums einer Nation der durch Spezialisierung erzielte Produktivitätsgewinn. Aber damit dieser Gewinn überhaupt entstehen kann, brauchen die Produzenten auch einen Zugang zu einem Markt, auf dem sie ihre spezialisierten Erzeugnisse verkaufen und andere Waren kaufen können. Je größer dieser Markt, desto größer auch der Raum für Spezialisierung. Heutzutage benötigen die meisten Industrieprodukte überdies Zulieferungen von Standorten auf der ganzen Welt.

Hohe Transportkosten sind daher ein Nachteil für die gesamte Wirtschaft und nicht nur für den Export.

Leider werden die Transportkosten stark von der geografischen Lage eines Landes bestimmt. Ein zusätzlicher Transportkilometer über Land kostet ebenso viel wie sieben zusätzliche Kilometer auf See. Der Seetransport eignet sich besonders für niederwertige Massengüter - just sie sind es, die typischerweise in Entwicklungsländern produziert werden. Die Folge: Länder ohne preiswerten Zugang zum Meer bleiben von potenziellen Märkten ausgeschlossen. Es ist vertrackt: Wenn ein Land, das entfernt vom Meer liegt, nicht über die Infrastruktur (Straße, Eisenbahn, Häfen) verfügt, die für einen Zugang zu Wasserwegen nötig ist, wird es ausgerechnet jene Industrien nicht entwickeln, die helfen könnten, eine solche Infrastruktur zu unterhalten.