Schneidende Mediziner wissen gemeinhin, wann sie besser das Skalpell in der Tasche lassen. Im 19. Jahrhundert etwa zögerten sie beim Kaiserschnitt, der Sectio, denn 86 Prozent der Mütter zwischen Wien, Paris und den Britischen Inseln verstarben bei dem Eingriff. Nein, damit wollte man sich das mühsam errungene Ansehen nun wirklich nicht ruinieren. Dann aber kam der Mailänder Gynäkologe Edoardo Porro und führte 1876 seine neue Methode ein. Er entfernte den Uterus mitsamt dem Kind und stillte erfolgreich die Blutungen. Ein Durchbruch. Weitere Verbesserungen der Methode ließen die Sterblichkeit der Mütter bis zur Jahrhundertwende auf zehn Prozent sinken. So sicher wurde der Kaiserschnitt, dass amerikanische Gynäkologen begannen, mit ihm die hohe Säuglingssterblichkeit zu bekämpfen. Bei veränderten Herztönen des Kindes, bei Geburtsstillstand oder extrem verlängerter Geburt löste der gezielte Schnitt fortan das Problem. Doch die Sectio sollte eine Notmaßnahme bleiben.

Das ändert sich. Inzwischen haben offenbar Ärzte und Frauen an der schnellen Geburt Gefallen gefunden. In Hessen stieg der Anteil der Kaiserschnittgeburten innerhalb der vergangenen zehn Jahre von 17 auf 23 Prozent. Laut Weltgesundheitsorganisation aber sollten sich Länder mit einer Rate über 15 Prozent dringend fragen, warum diese so hoch ist. Eine Erklärung: Frauen gebären hierzulande immer später, daher gibt es häufiger Komplikationen, die eine Sectio nach sich ziehen. Jacqueline S. Bell vom Aberdeen Maternity Hospital in Großbritannien ging der Sache nach und analysierte die Daten von 24 000 Geburten. Und tatsächlich, bei älteren Gebärenden war der Kaiserschnitt häufiger - mit dem Gesundheitszustand von Kind oder Mutter hatte das allerdings nichts zu tun. Die Autorin der Studie mutmaßte, dass es sich wohl eher um die "Präferenz" der Gynäkologen und Mütter handele. Es geht für beide Beteiligten schneller, und die Mütter sind die Sorge los, dass sich der Geburtskanal auf Dauer weiten könnte. Viele Mütter fürchten zudem, das Zwängen und Drängen durch den engen Ausgang könne auch das Kind beschädigen. Dabei bringen sich die Mütter selbst in Gefahr.

Die hessische Erhebung zeigte nämlich deutlich, dass die Sterblichkeit und Erkrankungsrate der Mütter nach einem Kaiserschnitt bis zu zehnmal höher ist.

Es drohen Blutvergiftungen und Thrombosen. Damit wären wir dann schnurstracks wieder im 19. Jahrhundert - diesmal ganz freiwillig.