Reisen ist eine kulturelle Errungenschaft. Die uns vertrauten Praktiken und Wahrnehmungsformen des Tourismus haben sich in einem historischen Prozess herausgebildet. Der Naturgenuss, die Badelust, der Rhythmus des Wanderns, die Vorstellungen vom Sehenswerten, die Freude an "schönen Ausblicken" und "malerischen Landschaften", der Ablauf der Pauschalreisen - all das hat sich schrittweise in den letzten 250 Jahren entwickelt. Mit präzisen Kenntnissen und bemerkenswerter analytischer Kraft zeichnet der schwedische Ethnologe Orvar Löfgren in On Holiday. A History of Vacationing diese Entwicklungen nach.

Das Reisen - so lautet eine Hauptthese des Buchs - hat wesentlich zur Herausbildung der modernen Sensibilität beigetragen. "Die frühen Reisenden entdeckten und kultivierten ihre Subjektivität an neuen sinnlichen und visuellen Erfahrungen, betrachteten ihre emotionalen Reaktionen auf unbekannte Umgebungen, standen im Dauerdialog mit sich selbst." Anschaulich zeigt der Autor in diesem Zusammenhang, wie sich die Leidenschaft für das Pittoreske entwickelte, die noch heute die touristische Wahrnehmung formt.

Bis in die frühe Neuzeit war die Einstellung der meisten Reisenden vorwiegend pragmatisch: Sie wollten lernen, Informationen sammeln, sich mit fremden Umgebungen vertraut machen.

Das änderte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Zunehmend ging es auf Reisen nun um Atmosphäre, Stimmungen und Gefühle. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf das subjektive Erleben. Botanische und geologische Phänomene waren nur noch interessant, sofern sie "malerische" Eindrücke hervorriefen und geeignet waren, Emotionen in Bewegung zu setzen. Diese neue Haltung spiegelt "die andere Seite der Modernität, eine Reaktion gegen Routinen und Rationalität, die Sehnsucht nach dem Ungeplanten, dem Irrationalen, dem Emotionalen".

Solche Impulse sind noch heute in der Urlaubswelt wirksam - auch unter der Herrschaft der industriellen Reiseorganisation, die Löfgren am Beispiel der Pauschalreisen detailliert untersucht. In Postkarten, Dias und Urlaubserzählungen, Reiseberichten und -büchern wird nach wie vor der Code des Pittoresken artikuliert. Romantische Landschaftsgärten - einst entworfen als Idealumgebungen für die neu erworbene Fähigkeit, sich von der Natur zu seelischen Höhenflügen inspirieren zu lassen - betrachtet Löfgren als Vorläufer zeitgenössischer Themenparks.

Die Geschichte des Reisens entwickelte sich im Zusammenhang von räumlicher und seelischer Bewegung (motion und emotion), ein Grundmuster, das im Text immer wieder überzeugend thematisiert wird. So zeigt Löfgren im Anschluss an Wolfgang Schivelbuschs Geschichte der Eisenbahnreise beispielsweise, wie die Tempobeschleunigung durch Dampfschiff und Eisenbahn zur Entwicklung des panoramatischen Sehens führte. Dieses wiederum ist unmittelbar verbunden mit der Ästhetik des Erhabenen, der Suche nach immer stärkeren "Gefühlsstürmen", aber auch mit dem Wunsch nach Beherrschung der Natur. Diese Motive lassen sich noch fast 200 Jahre später in der aktuellen Mode der Arktis- und Everest-Abenteuer wiederfinden.

Orvar Löfgrens historische Betrachtung erweist sich als fruchtbar für das Verständnis heutiger Phänomene. Die Arbeit gibt zugleich Anregungen für eine historisch-sozialwissenschaftlich orientierte Tourismustheorie, etwa mit der Charakterisierung des Reisens als "Fantasietätigkeit" oder mit der Analyse der Tourismuswirtschaft als einer "Kulturindustrie, die symbolisches Kapital, Moden und Trends produziert". Löfgrens History of Vacationing ist darüber hinaus eine genussreiche Lektüre, Pflicht für alle an Tourismusgeschichte und -soziologie Interessierten.