Berlin, preußische Größe, neudeutscher Stolz. Doch wer schlau ist, macht einen großen Bogen um das historische Zentrum der Hauptstadt. Das Zeughaus ist eingerüstet, die alte Nationalgalerie verrammelt, der früher glänzende Palast der Republik eine Schandbude, der neue Lustgarten eine Provinzscharade mit einem Brunnen aus Muschelkalkplatten, die aussehen wie Betonbruch. Und wo immer Platz ist auf den Straßen, quetschen Reisebusse, groß wie Monstermaden, alle Passanten an den Rand.

Vielleicht ist deshalb die Ausstellung des Vedutenmalers Eduard Gaertner so gut besucht. Sie findet im Ephraim-Palais in der Poststraße statt, keine drei Minuten vom Schloßplatz entfernt. Gaertner (1801 bis 1877) war ein Porträtist von Gebäuden, er verdiente seinen Lebensunterhalt bei Kunden, die Erinnerungsbilder wünschten: von der Stadt, in der sie wohnten, von der Straße, in der ihre Firma lag, von dem Zimmer, das einem geliebten Verstorbenen gehörte. Er arbeitete für die preußischen Könige, für ihre russischen Verwandten, für das reiche Bürgertum, auch für die Eisenbahngesellschaft.

Ein Handwerker also, der aus einer Handwerkerfamilie stammte. Der Vater war Stuhlmachermeister, die Mutter Goldstickerin. Der junge Eduard fing mit 13 Jahren seine Lehre in der Porzellanmanufaktur KPM an. Sechs Jahre pinselte er "Ränder, Ringe und Käntchens", dann hatte er genug und wechselte zu Carl Wilhelm Gropius, dem Bühnenbild- und Panoramamaler. Bei ihm fand Gaertner seinen Lebensberuf. Er verstand es, steinernen Fassaden Individualität einzuimpfen, entweder durch einen besonderen Blickwinkel, durch ein glänzendes Licht, in das er Häuser tauchte, als ginge es darum, einer angebeteten Schönheit zu schmeicheln. Dabei malte er nicht wie seine großen Kollegen grandiose Prozessionen in die Straßen, auch keine königlichen Flötenstunden in dramatisch illuminierten Suiten. Er blieb unter seinesgleichen, bei den Handwerkern, die noch den letzten Turm der Friedrichwerderschen Kirche zu Ende mauerten, den Passanten, die mäuseklein im riesigen Innenhof des Berliner Schlosses einen Feierabendplausch hielten.

Friedrich Wilhelm III. mochte Gaertners Art, Feudales mit einer Prise bürgerlicher Gemütlichkeit zu würzen. Er kaufte ihm über 20 Gemälde ab, darunter auch das berühmte Panorama von Berlin.

Der entrückte Blick über Dächer, in weite Boulevards hinein, auf geputzte Plätze und blanke Fassaden war Gaertners Spezialität. Wer am nächsten Wochenende zwischen Pergamonmuseum und Zeughaus die Sonntagsstimmung vermisst, findet sie auf seinen Bildern.

Stiftung Stadtmuseum Berlin, Museum Ephraim-Palais, bis zum 4. Juni

Katalog 49,- DM