Es waren entsetzliche Bilder, die sich an einem frühen Septembermorgen des Jahres 1931 am Viadukt von Bia und Torbágy in die Erinnerung der Augenzeugen brannten. Die Lokomotive und sechs Waggons des Nachtzuges Budapest-Wien waren bis zur Unkenntlichkeit verformt, Gepäckstücke lagen über das halbe Tal verteilt, allerorten stöhnten die Verletzten. Eine gewaltige Explosion hatte den Zug fast 30 Meter in die Tiefe gerissen. Gleich in der Nacht nahm die Polizei die Ermittlungen auf. Der potenzielle Täter, Sylvester Matuschka, machte sich noch am Tatort verdächtig, weil er den Helfern unverletzt und begeistert von den Schrecken vor ihren Augen schwärmte.

Sylvester Matuschka, in dessen Hosen der Gerichtsmediziner später Spermaflecken finden sollte, ging als der "Lustmörder von Bia und Torbágy" in die Geschichte ein

noch 50 Jahre später setzte ihm die Punkband Jello Biafra mit einem ihrer Songs ein zweifelhaftes Denkmal. Matuschka war aber durchaus nicht der einzige Massenmörder, der seinen Wirkungskreis auf die Eisenbahn konzentrierte. Der SA-Oberscharführer Paul Ogorzow verwirrte als "S-Bahn-Mörder" von Berlin die Sicherheitskräfte des NS-Staates, sehr zum Missfallen der Machthaber. "Angel Eyes" Leoncio Resendez überquerte als Hobo in den achtziger Jahren fast nach Belieben die Wohlstandsgrenze von Mexiko in die USA, um dort zu rauben und zu töten. Und der Kleinkriminelle Donato Bilancio, bekannt als das "Monster der Riviera", versetzte 1998 halb Norditalien in Angst und Schrecken, obwohl zeitweise sogar Armee und Polizei die besonders gefährdeten Intercitys begleiteten.

Fast von Beginn an waren Züge, Bahnhöfe und Gleisstrecken häufig gewählte Tatorte für Mord, Raub und Vergewaltigung, das zeigt die kulturgeschichtliche Untersuchung zum Thema Mord-Express. Die Autoren Peter Hiess und Christian Lunzer haben aus Gerichtsakten, Archiven und Chroniken einige Dutzend Fälle aus 150 Jahren Eisenbahngeschichte zusammengetragen und im Reportagestil neu aufbereitet. Die Opfer waren meistens junge Frauen oder ältere Herren, die Täter fast ausschließlich Männer. Die Anonymität im Waggon, die Unübersichtlichkeit der Streckennetze und die Menschenmassen auf den Bahnhöfen sorgten dafür, dass die Täter sich in Sicherheit wähnten

tatsächlich wurden sie aber fast immer entdeckt.

So genannte Lustmorde hat es häufig gegeben

vorherrschend waren aber solche, die im weitesten Sinne mit wirtschaftlicher Not der Täter zu tun hatten. Die Eisenbahn war der Motor der Industrialisierung, von jeher galt sie als ureigenste Metapher von Fortschritt und Wohlstand. Tatsächlich müsste die Bahn genauso sehr auch ein Symbol sein für die Kehrseite der Medaille, für Armut und Verzweiflung - das zeigen die von Hiess und Lunzer dokumentierten Geschichten.