Wo bitte geht's nach Straßburg? Von Deutschland aus gibt es nur noch einen Direktflug, und der startet in München. Das ist eine Erklärung, weshalb die Arte-Zentrale in Straßburg ihren Präsidenten Jobst Plog so selten zu sehen bekommt. Denn Plog muss umständlich aus Hamburg anreisen, wo er hauptamtlich und ganztägig den NDR regiert. Sein Vorgänger, der Franzose Jér'me Clément, kam aber auch nur zwei Tage pro Monat - was von Paris aus keine praktischen Gründe haben kann. Straßburg ist für den europäischen Kulturkanal eben bloß einer von vielen Standorten, an dem die wahre Macht ab und zu ein Gastspiel gibt. Und zwischen diesen Gastspielen pflegt der Sender sein Eigenleben - so wie früher das Gutspersonal, wenn die Herrschaft im Stadthaus weilte.

Der "Bastard der Politik", wie ein deutscher Intendant Arte gern nennt, wird zehn Jahre alt. Das "letzte Kind des Kalten Krieges", wie ein anderer sagt, wurde im November 1988 von Helmut Kohl und François Mitterrand auf einem deutsch-französischen Gipfel angekündigt. Gezeugt wurde es per Staatsvertrag am Vorabend der deutschen Wiedervereinigung 1990, juristisch zur Welt gekommen ist es am 30. April 1991. Die ersten Schritte auf dem Bildschirm unternahm es ein Jahr später.

Nun sendet es von sieben Uhr abends bis irgendwann nach Mitternacht. Bald soll es auch ein richtiges Nachmittags- und Wochenendprogramm für das kulturinteressierte Publikum geben, resolut "europäisch". Was das ist, muss sich allerdings erst noch zeigen. Denn die sicherste Erkenntnis von zehn Jahren Arte lautet: Den europäischen Fernsehzuschauer gibt es nicht. Vor dem Bildschirm wird der Mensch - so weltoffen er sich im Urlaub und beim Kleider- oder Autokauf geben mag - zu einem heimatverwurzelten Gewohnheitstier. Da möchte er sehen, was er kennt und was mit ihm zu tun hat. Die Zuschauer-Hitlisten von Arte sind klar getrennt in deutsche und französische Favoriten. Was soll ein französischer Zuschauer aber auch mit fünf Stunden Aufzeichnung der neuen Faust-Inszenierung von Peter Stein anfangen? Was ein deutscher mit drei Abenden (!) Dokumentation zum Niedergang des Crédit Lyonnais? Die besten Einschaltquoten in Frankreich bekam ein französischer Spielfilm, Marius et Jeannette. In Deutschland war er ein Flop, der größte Erfolg hingegen Die Blechtrommel, mit der die Franzosen wenig anfangen konnten. Beide gemeinsam mochten am liebsten etwas, das beiden gleich fremd ist: Out of Africa.

"Die kulturelle Durchlässigkeit in Europa hat enorm abgenommen", sagt Andreas Schreitmüller, der in Straßburg die Spielfilmabteilung leitet. "Das Publikum ist ganz allgemein nicht mehr so offen für fremde Ästhetik, fremden Stil oder fremde Musik wie vor 20 oder 30 Jahren." Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten in Deutschland produzierten inzwischen weniger als sieben Prozent ihrer Serien und Fernsehfilme zusammen mit ausländischen Partnern. In den bevölkerungsreichen Ländern Westeuropas schrumpfe der Anteil ausländischer Programme, die amerikanischen eingeschlossen, weil Sendungen aus eigener Produktion für alle Sender durch die möglichen Einnahmen aus der Weiterverwertung finanziell günstiger seien.

"Auch die französischen Sender haben anfangs geglaubt, der Erfolg von Dallas werde die Todesglocke für die einheimischen Produktionen läuten. Welch ein Irrtum!", sagt Jean Rozat, zweiter Mann von Arte in Paris. Inzwischen zeigten die französischen Sender zur Prime Time kaum noch ausländische Filme. Das Fernsehen, ob privat oder staatlich, sei kein "Fenster zur Welt" mehr wie früher, nicht einmal eine Dachluke. Die Zuschauer wollten ihr eigenes Spiegelbild auf dem Bildschirm wiederfinden. "Sehen Sie sich den Erfolg des staatlichen Regionalsenders FR 3 an oder das Mittagsmagazin des Privatsenders TF 1." Da laufen bei Einschaltquoten von über 50 Prozent ausführliche Beiträge über Feuerwehreinsätze in nordfranzösischen Dörfern und Reportagen über Autofahrer im Stau. Themen, die man schlecht durch Gespräche mit Betroffenen bebildern kann, kommen so gut wie gar nicht vor.

Arte macht nun gerade das Gegenteil von Kiezprogramm. Seine Sendungen sind zu 60 bis 70 Prozent im Ausland produziert. Deutschland und Frankreich liefern je ein Drittel der Beiträge, ein Drittel wird in Drittländern eingekauft oder koproduziert. Die Zuschauer müssen nicht nur ein generell höheres Anspruchsniveau akzeptieren - nicht mehr so elitär wie in den ersten Jahren, aber immerhin -, sondern auch andere Farben, Rhythmen, Spielhandlungen und Synchronstimmen, bei Live-Ansagen sogar eine meist ausdruckslos darüber gebügelte Synchronübersetzung. Trotzdem wird der Sender von täglich wechselnden Minderheiten geschätzt, hoch geachtet von seinen eigenen Zuschauern wie auch von einem Publikum, das Arte nie oder selten ansieht.

"Die verbale Anerkennung", sagt ein alter Arte-Mann, "ist wesentlich größer als die visuelle Zuwendung."