Versailles ist er nicht, der Spiegelsaal von Augio im hinteren Val Calanca. Aber für das wohl abgelegenste Gebirgstal Graubündens doch ein erstaunlich prächtiger Fremdkörper. In diesem winzigen Dorf aus Feldstein, Holz und Gneis, in dieser schlauchartigen alpinen Sackgasse, verriegelt von Zapporthorn und Piz de Trescolmen: Was haben da geschliffenes Spiegelglas, Spitzenvorhänge und hohe Schmuckplafonds verloren?

Es ist eine typisch bündnerische Geschichte von notgedrungenem Auszug in die Fremde und auftrumpfender Rückkehr, welche sich im Saal der Villa Cascata spiegelt. Carlo Spadini hieß der Glaser aus Augio, der zu Anfang des 20.

Jahrhunderts wie so viele Handwerker des Kantons in die Fremde ziehen musste.

In Frankreich kam er zu Wohlstand und einer blutjungen Pariser Ehefrau.

Dieser 16-jährigen Stadtpflanze zuliebe inszenierte der Heimkehrer Spadini den großbürgerlichen Kulissenzauber im damals unvorstellbar weltverlorenen Calancatal: Um den Spiegelsaal herum erwuchs eine palazzoartige Villa mit Fresken und Friesen im toskanischen Stil. Der Aufwand zeigte offensichtlich Wirkung: Die Ehe war jedenfalls von Dauer.

Heute ist La Cascata eine Hotelpension samt Kulturzentrum von eigenwilligem, legerem Charme. Wer das westlichste und vielleicht wundersamste der Graubündener Südtäler erkunden möchte, kann sich in einer ihrer Täferstuben etablieren und wird dann allabendlich Teil einer buntgemischten Merlot-Runde sein, bei der sich der pensionierte Schweizer Oberst zur Pfadfinderführerin gesellt, das schlohhaarige Dorforiginal zum südfranzösischen Saisonarbeiter.

Nur ein paar Schritte durch die Flusswiesen des wilden Calancascabachs sind es morgens zum Wasserfall Frot, der an seinem Fuß ein paar schöne Badegumpen geformt hat. Ganz allein ist man mit dem Rauschen des Sturzgewässers und dem Gebimmel entfernter Ziegenglöckchen, balanciert über schrundiges Blockgestein und fragt sich, wie sich die erstaunliche Zeitverlorenheit dieses Weltwinkels hat erhalten können. Erst seit 1960 ist das Calancatal durchgängig mit dem Auto befahrbar, seine Dörfer mit ihren Brunnen und bemalten Kapellen, den anthrazitsilbrigen Steindächern und den krummen Plattenwegen haben, bis auf ein paar bescheidene Ferienhäuser, fast gänzlich ihr traditionelles Gesicht behalten, es gibt kaum Gewerbe und nur die allernötigste Ferien-Infrastruktur: Lädchen, Pfadfinderhütten, zwei, drei bescheidene Wirtshäuser. Dabei sind die großen Durchzugsstraßen von Gotthard und San Bernardino gar nicht sonderlich fern.