die zeit: Absturz in den Vereinigten Staaten, Rezession in Japan - Europa gerät in den Abwärtssog. Ist die europäische Wirtschaft den Turbulenzen in der Welt hilflos ausgeliefert?

Ernst Welteke: Das weltwirtschaftliche Szenario ist keineswegs so düster. Es war doch jedermann klar, dass in den USA Wachstumsraten von mehr als fünf Prozent, Ungleichgewichte in der Zahlungsbilanz und eine private Sparquote von null nicht durchzuhalten waren. Und Japan kämpft immer noch gegen die Folgen, dass dort vor zehn Jahren die Spekulationsblase geplatzt ist. Europa wird mit Sicherheit in diesem Jahr höhere Wachstumsraten haben als die beiden anderen großen Wirtschaftsräume. Für die Euro-Zone rechne ich mit einem Wachstum von drei Prozent, für Deutschland von gut zwei Prozent. Von einem Absturz kann wirklich keine Rede sein.

zeit: Aber seit Monaten werden die Prognosen immer ungünstiger. Warum stützt die Europäische Zentralbank nicht mit deutlich niedrigeren Zinsen die Konjunktur?

Welteke: Die Geldpolitik ist kein Instrument der Konjunkturpolitik. Die EZB unterscheidet sich von Auftrag und Strategie her grundlegend von der amerikanischen Notenbank, der Fed. In Europa haben wir eine klare Festlegung auf ein makroökonomisches Ziel: Geldwertstabilität. Preisstabilität ist das vorrangige Ziel, worauf die EZB zu achten hat. So wie die Fed ihre jüngsten Zinssenkungen begründet hat, mit dem Hinweis auf Märkte und Konjunktur, kann die EZB nie argumentieren.

zeit: Aber Geldpolitik wirkt immer auch auf Wachstum und Beschäftigung. Viele haben schon vor Monaten mit einer Zinssenkung gerechnet. Warum konnte sich die EZB nicht längst entschließen, die Zinsen zu senken?

Welteke: Es ist sehr viel leichter, mit geldpolitischen Maßnahmen eine Konjunktur zu drosseln als anzukurbeln. Da gilt das alte Wort Karl Schillers: Man kann die Pferde zur Tränke führen, aber saufen müssen sie allein. Mit Geldpolitik allein - vorausgesetzt, die Notenbank sollte und dürfte das - ist die Konjunktur nicht in Gang zu bringen. Es gibt auch keinen einzigen Hinweis darauf, dass irgendwo in Europa eine Investition unterblieben ist, weil das Geld zu teuer wäre. Es ist ein Irrglaube, dass das Wachstum in Europa höher wäre, wenn die Zinsen früher gesenkt worden wären. Unsere Überzeugung ist: Der beste Beitrag, den eine Notenbank zu Wachstum und Beschäftigung leisten kann, ist stabiles Geld.

zeit: Aber auch der Maastricht-Vertrag sagt: Wenn die Preisstabilität nicht gefährdet ist, soll die EZB die Wirtschaftspolitik unterstützen.