Dass im Fernsehen viel recycelt wird, wirft man dem Medium gerne vor

statt immer noch mal Ekel Alfred in den Nachtstunden, hätte man lieber eine brandneue Serie mit Biss. Es stimmt, Programmgestalter wiederholen häufig.

Aber sie tun das nicht nur aus Kostengründen, sie nutzen so auch eine Stärke des Fernsehens: der Zuschauer empfindet ein bewegtes Bild zunächst mal als lebendig, egal, wie alt es ist.

Während Zeitungsartikel von 1971, in ein Blatt von heute eingerückt, eher als Kuriosa durchgehen würden, weckt ein Film-Oldie spontanes Interesse, selbst wenn er schwarzweiß und ein wenig flimmrig ist. Der Mensch, der da erzählt, warum er von Westdeutschland in die DDR rübergemacht hat und von da zurück ins Auffanglager abgeschoben wurde, nimmt für sich ein und gehört ins Heute - einfach weil seine Lippen sich bewegen und seine Augen funkeln. Lauter Lebenszeichen, die kein Buchstabe so direkt versendet.

Daraus folgt: Fernsehen eignet sich hervorragend als Geschichtswerkstatt.

Seine Archive hüten das Material, aus dem sich historische Anschauung so eingängig und vielgestaltig destillieren lässt wie sonst nirgends. ZDF und 3sat haben die Konsequenz gezogen und eine Serie aufgelegt, die Vor dreißig Jahren heißt und eine Chronik von hohem Wiedererkennungswert liefert. Zum Beispiel Ost-West. Während die Himmelsrichtungen als politische Orientierungen heute blasser werden, waren sie Anfang der Siebziger Frontmarkierungen und die Wanderer zwischen den Welten Kundschafter wider Willen. Aber auch privatere, gleichwohl zeittypische Problemlagen holt die Sendereihe wieder hoch: so Disparates wie Kindesmisshandlung oder Sport im Knast ... Diese durchweg interessanten und sorgfältig verfertigten Halbstünder zeigen dem verblüfften Zuschauer, wie viel sich geändert hat - und wie viel geblieben ist, wie es damals war. Das gilt auch für die Machart, die Interviewtechnik, die Kameraführung.

Manches erscheint heute fremd: umständlicher, detailbewusster, autoritativer.