Im dämmrigen Wohnzimmer sitzen die alten Kämpen und schweigen. Der eine wird bald sterben, und der andere denkt darüber nach, wie letztens die Bauarbeiter in knapp drei Meter Tiefe auf verschüttete Gräber stießen. "Wo man auch geht, man geht über Leichen. Unsere Nachkommen werden dereinst gleich ahnungslos über uns hinweggehen", sagt sich der Alte, regt sich aber nicht weiter auf.

So viel Gelassenheit hätten wir ihm kaum zugetraut. Denn er spielt eine wichtige Rolle in Willi Bredels Roman Die Väter, und von diesem Schriftsteller wissen wir zwar nur noch wenig - unser Kritisches Lexikon zur Gegenwartsliteratur schweigt sich aus. Aber so viel doch, dass der Hamburger Metalldreher und Thälmann-Freund, spätere Spanienkämpfer und nachmals prominenteste Arbeiterdichter der DDR einer Utopie anhing, die sich viel auf ihre historische Determiniertheit zugute hielt und den Zeitgenossen ans Herz legte, sich fleißig um ehrenvolles Fortleben in der kommenden, besseren Welt zu kümmern.

Ein einziges Buch kann man von Bredel, der am 2. Mai 100 Jahre alt würde und 1964 in Ost-Berlin starb, noch bestellen. Natürlich kein wichtiges, sondern ein unverdächtiges: Die Vitalienbrüder (Hinstorff Verlag, Rostock 2001

19,80 Mark). Ansonsten muss man schon das zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher (www.zvab.de) bemühen, um unter 652 Titeln die Ernst Thälmann-Biografie zu finden oder die Romane und Erzählungen aus dem proletarischen Alltag: Maschinenfabrik N&K, Rosenhofstraße, Verwandte und Bekannte, Auf den Heerstraßen der Zeit. Wer nicht in Verdacht geraten will, sich heimlich an solcher Kunst als Waffe ursozialistischer Prägung und kommunistischer Überformung zu ergötzen, muss Bredels Texte als linientreue Agitationsliteratur und daher als verzichtbar kategorisieren. Nicht ohne Grund bemäkelte sogar Georg Lukács die literarische Minderwertigkeit dieser politisch korrekten Schwarzbrot-Dichtung. Das Schweigen neuerer Nachschlagewerke spricht jedoch auch von großer Hilflosigkeit angesichts einer Literatur, deren Gegenstände sich verflüchtigen, noch bevor man die Beweggründe dieser didaktischen Kunst ganz begriffen hat. Da mag man vielleicht nicht zu Unrecht ideologische Flurbereinigung wittern, muss aber zuallererst literaturhistorische Ahnungslosigkeit unterstellen. Der alte Vater Bredel nähme es wohl doch nicht ganz gelassen.