die zeit: Herr Minister, Sie sind zurzeit der populärste Politiker der Türkei, viele sehen in Ihnen den nächsten Ministerpräsidenten. Ist Ihr Erfolgsgeheimnis, dass Sie keiner der als korrupt verschrienen Parteien angehören?

Kemal Dervis: Ich bin noch kein richtiger Politiker. Auch wenn ich Ministerpräsident Ecevit seit den siebziger Jahren immer wieder beraten habe und jetzt seiner Regierung angehöre - zuallererst bin ich in die Türkei zurückgekommen, um die Wirtschaftskrise zu bewältigen.

zeit: Viele Türken sehen in Ihnen mehr: einen Retter, den Repräsentanten einer neuen modernen Türkei. Ist das für Sie nicht ein Dilemma: Sie sollen das politische System reformieren - und sind zugleich ein Teil desselben?

Dervis: Es ist in der Tat eine Art Dilemma. Die Menschen sehen mich als jemanden, der die Wirtschaftskrise vielleicht bewältigen kann, schon weil ich nichts mit ihr zu tun habe - ich war ja in Washington. Das ist mein Glück. Es gibt in der Türkei einen Hunger danach, sehr offen zu sprechen. Und ich glaube, eine der Sachen, die ich gut gemacht habe in den letzten Wochen: Ich habe die Lage so dargestellt, wie sie ist.

zeit: Wie ist sie denn?

Dervis: Die Türkei erlebt eine tiefe Krise, aber auch eine sehr plötzliche.

Man hat sie nicht erwartet. In der Bevölkerung führte das zu einer unerwartet heftigen Reaktion gegenüber allen, die für verantwortlich gehalten werden.