Wenn uns jemand erzählen würde, er lebe mit einem depressiven Pinguin zusammen, so könnten wir es kaum glauben. Umso wahrscheinlicher fänden wir, dass ein antarktischer Gast, müsste er tatsächlich hier überwintern, vor Überhitzung in Schwermut zerflösse. Darin besteht die Kunst aller großen Kriminalliteratur: unserer Skepsis ein Jedoch abzutrotzen. Den Realitätssinn des Lesers zu überlisten, indem das Unwahrscheinlichste dem Gesetz der Plausibilität unterworfen wird.

Nur dann gilt, was ein weniger bekannter Krimispezialist namens Goethe formuliert hat: "Unmöglich ist's, drum eben glaubenswert." Wie sich das Gewohnte erschüttern lässt, während trotzdem die Logik im Recht bleibt, ohne aber zur Zwangsjacke der Fantasie zu werden, kann man bei Andrej Kurkow nachlesen. Der junge russische Romancier hat die Geschichte eines gemütskranken Pinguins und seines elegisch gestimmten Herrchens, eines begnadeten Nekrologschreibers, als Kriminalnovelle von Gogolschem Charme inszeniert. Romantisch-pathetisch, komisch-unterkühlt, sozialkritisch und grotesk zugleich. Zwei Einsamkeiten, die sich ergänzen. Verschiedene Freundschaften, die sich im Einklang mit dem Trauerrhythmus immer neuer hymnischer Nachrufe ganz gemächlich entwickeln. Gefahr, die mit ihrer pistolenbewaffneten Konkretheit den beiden Helden und ihrer tieferen Trübsal wenig anhaben kann.

Denn hier waltet jener eigentümliche Realismus, der das Unwirkliche mit leichtem Spott und großem Ernst als realistisch darzustellen vermag. Dass Picknick auf dem Eis so typisch russisch wirkt, hat weniger mit Mafia, massenhaftem Schnee oder Wodka zu tun. Vielmehr wird der postsowjetische Schauplatz vom ehrwürdigen Russland durchweht, von der Poesie und vom psychologischen Prosastil des 19. Jahrhunderts. So gelingt Kurkow eine Lakonie, die die Coolness der amerikanischen Detective-Story albern erscheinen lässt und einem heimwehkranken Pinguin ungeahnte Würde verleiht.

Anders verhält es sich mit Polina Daschkowa. Die Absolventin des Moskauer Literaturinstituts, Jahrgang 1960, gilt als neueste Queen of Crime, hat sie doch seit 1996 neun Bücher in einer Gesamtauflage von zehn Millionen Exemplaren veröffentlicht. Ihr erster auf Deutsch erschienener Roman spielt in einer von Neureichen regierten, von der Mafia kontrollierten und von ehemaligen Apparatschiks geprägten russischen Gegenwart. Auftragskiller frei Haus, Kaviar en gros und ein Medienmagnat, der früher als Serienmörder in der sibirischen Provinz Karriere machte. Wie gern wäre er durch die Liebe geläutert worden. Doch natürlich blieb die verheißungsvolle Leidenschaft unerwidert und zeitigt nun tragische Folgen.

Auch bei der Daschkowa bleibt das starke Lokalkolorit zweitrangig. Wichtiger sind die psychologische Charakterzeichnung, der soziologische Entwurf einer disparaten Gesellschaft. Weil die Figuren als Erniedrigte und Beleidigte auftreten, weil Schuld unausweichlich Sühne nach sich zieht und Seelenadel letztlich triumphiert - deshalb ist der Text von Tradition dicht umstellt.

Vor allem folgt die Autorin Dostojewskijs Neigung, sich in ungewöhnliche Individuen einzugraben und gefallene Engel zu erfinden, das Leben als psychopathologisches Phänomen zu betrachten und Mörder und Heilige im gleichen Seelenschauhaus zu versammeln.

Dies ist keine bloße Literatur der Ablenkung. Doch fehlt ihr die exzentrische Verspieltheit der Pinguingeschichte. Auch für Die leichten Schritte des Wahnsinns wurden die unglaublichsten Tatsachen glaubhaft miteinander verstrickt. Doch während bei Kurkow die Wahrheit selten mehr sein darf als ein Verdacht, während also die Wirklichkeit auf dem Hochseil tanzt, liefert die Daschkowa uns eine orthodox in Gut und Böse aufgeräumte Welt, die vorübergehend in Unordnung geraten, aber durch Mitleid und Blutrache gründlich geheilt werden kann. Da haben wir den klassischen Krimi, der tröstet, indem er, wie Dürrenmatt sagen würde, die Dinge durchsichtig macht.