Bloß keine wabernden Wagner-Worte mehr. Und bitte Abstand von allen Alliterationen auf "M" wie "Meiningen macht mobil" oder "Mielitz meistert Musiktheater-Marathon". Der Coup ist geglückt, die Hybris perfekt - und damit gut. Halb gebannt, halb spöttelnd hatte sich die Musikwelt zu Ostern über die thüringische Provinz gebeugt: Wagners Ring, das Kunstkraftwerk par excellence, an vier Tagen hintereinander, so wie es bislang bloß Bayreuth erfahren hat, anno 1876, zur Uraufführung der Tetralogie. Ja, spinnen die Meininger denn? Ihre Theatertradition ist eine der namhaftesten und ehrwürdigsten. Das Haus selbst, ein Schmuckkästlein voll feinsten Blattgoldes, ist ein Hort für Händel, für Rossini und für alles andere rettungslos zu klein.

Macht nix, befand 1998 Christine Mielitz, die frisch gekürte Meininger Intendantin - erst im Widerstand bin ich sexy, werd ich frei. Sprach's, tat zahlungskräftige Sponsoren auf, setzte mit Kirill Petrenko einen dirigentischen Wunderknaben auf die Fährte eines unverhofft frühen Wagner- und Ring-Debüts (!) und ersann eine wahnwitzige Konstellation: Inszenieren würde sie selber, das Bühnenbild meißelte ihr der bekennende Wagner-Feind Alfred Hrdlicka in Pressspan, Gips und Styropor, der Musikergewerkschaft zuliebe säßen zwei komplett verschiedene Orchester im Graben (das des Meininger Theaters nebst dem der Thüringischen Philhar monie Suhl-Gotha) und singen würden - kräftehalber - ganz viele verschiedene Sänger. Zwei Wotans, zwei Brünnhilden, zwei Siegfrieds. So weit, so visionär. Oder doch eher hemdsärmelig?

Narkotikum des Industriezeitalters

Die wirklich spannenden Fragen stellen sich erst jetzt, im Nachhinein, da klar ist, dass es Christine Mielitz weniger als Regisseurin und unverbesserliche Epigonin Harry Kupfers zu entdecken gilt, denn als hartgesottene Event-Macherin. (Keine Ring-Pause, in der nicht mindestens ein oder zwei TV-Teams emsig mit den Füßen scharrten

kein Rundtischgespräch, keine Ausstellungseröffnung, kein Vortrag ohne einschlägige Prominenz.) Was also bringt es Richard Wagners tönendem Weltgedicht, wenn sich das Ganze quasi staccato ereignet und ohne Umschweife? Eine letzte Steigerung der theatralen Totalität über alle Schmerzgrenzen bürgerlicher Wohlanständigkeit hinaus? Und überhaupt: Dürfen die Meininger das, gibt es nicht auch Grenzen des Repertoires, Wächter über Kompetenz und Zurechnungsfähigkeit? Wer richtet eigentlich über den Griff nach den Sternen?

Kirill Petrenko war es, der 29-jährige Sibirier, Schüler von Peter Eötvös und Semyon Bychkov, der das Meininger Wunder entfachte: Wagner gab er so leicht und so schwer wie Mozart oder Lortzing, Wagner frei von jedem philharmonischen Fettansatz, Wagner ganz ohne bramarbasierenden Tonfallschwindel und stets klangbewusst. Nicht das ewige Brüllen und Dröhnen, ließ Petrenko wissen, mache Wagner subversiv und zum Narkotikum des Industriezeitalters, sondern sein spezifisches Licht, die Luft und die unbändige musikantische Wollust. Da hatten es denn auch die Sänger richtig gut: Franz Hawlata als ausdrucksstarker Wotan, der an dramatischem Gewicht gewiss noch zulegen wird

Frank van Akens äußerst vitaler, naturereignishafter Siegmund