Mein ganzes Leben ist im Grunde ein Traum. Ein Traum, unterbrochen von Weckanrufen, die mich allzu oft wieder in die Richtung lenkten, die mir bestimmt war. Meine ersten Träume waren natürlich völlig unrealistisch, bunt und vergnügt. Wie jeder andere Junge wünschte ich mir eine glückliche, unbeschwerte Kindheit. Ehe ich Gelegenheit hatte, in meiner eigenen magischen Kinderwelt heimisch zu werden, klopfte ungerufen die Wirklichkeit an die Tür und zerstörte meine Fantasien - einer meiner nächsten Angehörigen, ein geliebter Mensch, war gestorben. Früh, wahrscheinlich viel früher, als ich es verkraften konnte und wissen wollte, wurde mir damals klar, dass Träume nicht dasselbe sind wie die Wirklichkeit und dass die Wirklichkeit selbst oft alles andere sein kann als ein begrüßenswerter Ort.

Diese frühe Erfahrung zerstörter Träume hat mich etwas härter und seelisch stärker gemacht, als es für Kinder meines Alters gut war. Als wir bald darauf in ein wunderschönes Dorf in der Vojvodina umzogen, wurde ich zwei Jahre vor der Zeit eingeschult und war bald umgeben von Mitschülern, die weitaus kräftiger und ruppiger waren als ich. Während ich gezwungen war, ganz schnell erwachsen zu werden, verwandelten sich meine Fantasien in drängende Wünsche: Ich träumte davon, groß, stark und zäh zu sein, mithalten zu können mit den anderen.

Je älter ich wurde, desto mehr verwandelte sich der Sinn meiner Träume von Fantasien in Ambitionen. Jetzt ging es darum, in der Realität etwas zu erreichen, und ich träumte davon, Arzt zu werden. Das Unmögliche wollte ich möglich machen, Menschen heilen, die als unheilbar galten, helfen, wo keiner half, etwas erreichen, was andern nicht gelang, Wissen erwerben, das vor mir keiner hatte. Zum ersten Mal im Leben wurden meine Träume so intensiv, dass sie in mir ein unbändiges Verlangen weckten, zu lernen und Erfolg zu haben.

Noch mal ging es nicht nach meinem Wunsch: Die Familie entschied, dass ich nicht Medizin, sondern Wirtschaft studieren sollte. Ein Feld, auf dem ich mich so wenig auskannte wie auskennen wollte. Nach der ersten Enttäuschung stürzte ich mich trotzdem mit Energie ins Studium, um das Beste daraus zu machen.

Damals passierte vieles auf der Weltbühne, das mich faszinierte. Der Vietnamkrieg war in vollem Gange, Afrika befreite sich von der Kolonialherrschaft, Che Guevara veränderte Kuba. Jugendliche in aller Welt verfolgten das mit Spannung. Zu der neuen Generation von Träumern wollte ich gehören, die Weltgemeinschaft transformieren, zu einer gerechteren und sozialeren Ordnung auf der Welt beitragen. In der Welt, wie wir sie wollten, sollte es keine Kriege mehr geben, kein Blutvergießen und kein Morden. Wie weit weg waren diese Träume, einmal wieder, von den realen Gegebenheiten!

Während mir immer deutlicher wurde, wie schwierig es ist, auch nur das geringste dieser Ziele zu erreichen, begriff ich immer besser die Macht und Bedeutung derer, die die Weltpolitik dominieren.

Einige Jahre später, nach dem Studium, war ich auf dem besten Weg, in Belgrad ein Staatsdiener von Titos Jugoslawien zu werden, als mein so realistisch gewordener Plan und Traum von einem Erdbeben erschüttert wurde - einem realen Erdbeben in Montenegro, Teil des jugoslawischen Staates. Dort fing ich an, für eine Regierungsbehörde zu arbeiten und eine Vision für die Zukunft des Landes zu erarbeiten - wie für meine eigene. Aus dem einen Jahr, das ich in Montenegro verbringen sollte, wurden sechs, in denen ich versuchte, den Wiederaufbau des schwer zerstörten Landes mit zu organisieren und es in die internationale Arena zu bringen. Meine Träume waren nie so real wie zu dieser Zeit. Es ging darum, die Natur mit Technologie zu überlisten und künftigen Naturkatastrophen vorzubeugen. Konkrete Fragen wie die nach erdbebensicherem Baumaterial und stabilerer Architektur spielten in meinem Alltag die Hauptrolle.