DIE ZEIT: Herr Konwitschny, vor wenigen Wochen haben Sie Verdis Falstaff in Graz inszeniert, und Ihre Regiearbeit war angelegt als Untergangsszenario eines Theaters. Eine gigantische Abrissbirne pendelte bedrohlich über der Szene. Es war störender Baulärm zu hören. Sie haben Requisiten aus allen möglichen früheren Inszenierungen von Ihnen auf einen großen Sperrmüllcontainer werfen lassen. Das alles hatte etwas Bitterböses. Man hatte das Gefühl, dass Sie die ganze Kunstform Theater in Schutt und Asche sehen. Woher rührt diese Desillusion?

PETER KONWITSCHNY: Die Inszenierung ist aus der Analyse des Stücks entstanden. Verdi thematisiert für mich im Falstaff den Abschied vom Theater. Es war seine letzte Oper. Er spürte, dass die Zeit über ihn hinweggeht. Verdis Tod im Januar 1901 markiert den Einbruch der Moderne in die Welt. Auch die Hauptfigur, Sir John Falstaff, ist anachronistisch. Sie ragt aus einer alten, längst vergangenen Welt in das Stück - und wird verscheißert. Auf diesem Weg sind wir der Oper immer näher gekommen.

ZEIT: Aber Falstaff ist eigentlich eine Komödie.

KONWITSCHNY: Ja, ja, diese Sparwitze, diese kunstgewerbliche Sprache des Librettisten Boito - wir waren am Anfang der Verzweiflung nahe, weil wir das alles so dusselig fanden. Über ein Zitat von Eleonora Duse haben wir dann die Melancholie des Stücks entdeckt. Die Duse hatte an Boito geschrieben: "Wie traurig ist Ihre Komödie." Und das stimmt: Es geht um Verdis Abschied. Wie er die Noten einfach - zack - hingeworfen hat, diese Knappheit. Da ist ganz viel Schmerz weggelassen im Sinne von: Es hat gar keinen Zweck, dass wir das jetzt aussprechen, weil die Entwicklung sowieso über uns hinweggeht.

ZEIT: Ihre Grazer Metapher vom Theater, das abgerissen wird, bezog sich aber doch auch auf unsere Gegenwart. Ihre Inszenierung hat eine deprimierende Perspektivlosigkeit offenbart. Am Ende werden die Sänger einfach von einer Putzkolonne von der Bühne gekehrt. Sehen Sie tatsächlich so schwarz?

KONWITSCHNY: Es kommt wieder aus mir heraus, was durch mich hindurchgegangen ist. Die Verletzungen im Leben sind da.

ZEIT: Welche Verletzungen?