Hier der denkbar knappste Bericht darüber, wie einen die Wahrheit auf dem Fahrrad treffen kann: in diesem Falle mich auf einem Stubenfahrrad, auf dem ich morgens tretend sitze des Herzens wegen, meines angeknacksten.

Nichts ist stupider als Ergometerfahren, Musik ist da eine große Hilfe, jeden Morgen eine halbe CD, aber das sind pro Woche drei CDs, da gehn die schönsten Vorräte bald aus, und nicht alles eignet sich auch. Gut ist Klavier, habe ich herausgefunden, nur bin ich jetzt schon mehrere Male von Bach über Beethoven und Chopin und den ganzen Liszt zu Debussy gelangt, nur schade, dass der so wenig geschrieben hat. Songs gehen auch, aber ich weiß nicht, wie oft ich Cole Porters Miss Otis schon habe bedauern hören, dass sie nicht lunchen kommen kann, nun ist es gut. Es wäre noch viel darüber zu sagen, aber jetzt zur Wahrheit. Lasse ich mir was erzählen jetzt, dachte ich nämlich, was vorlesen, und zwar Reemtsma Arno Schmidt, während ich da Ergometer fahre. Ich habe lange nicht Schmidt gelesen, selber ist er 1979 gestorben. Zwischen 1993 und 1999 hat Jan Philipp Reemtsma für Gunter Schäble vom Südwestrundfunk (damals noch Südwestfunk Baden-Baden) Schmidt eingelesen, 25 CDs, vorwiegend Sachen aus den sechziger Jahren, von Leviathan bis Kaff, und darunter Brand's Haide, eine Erzählung, die Schmidt von Januar bis September 1950 geschrieben hat: Ein halbes Jahrhundert ist das nun her.

In dieser Geschichte gerät der Erzähler, eben noch Soldat gewesen, Schmidt selber, unverkennbar, in ein Dorf am Rand der Lüneburger Heide, allein, zwei junge Frauen sind da, in die eine verliebt er sich, Lore; damals haben sie Schmidt oft für einen Pornografen gehalten, er war aber einfach nur der ehrlichste und beste Liebesgeschichtenerzähler. Schmidt legt im Grunde keinen Wert auf einen besonderen Stil, kein anständiger Autor tut das ja, seine Sprache bewegt sich unberechenbar hin und her zwischen Wut, Sarkasmus und kühler Nüchternheit und schöner Schwärmerei und expressiver Emphase und unverhohlener Sentimentalität, das sind aber alles nur so Ausdrücke.

Reemtsma macht fast nichts, er scheint nur vorzulesen, unprofessionell, er verschluckt halbe Wörter, liest auch eigentlich viel zu schnell. Aber gerade aus diesem Nichts, das er tut, kommt immer mehr wie unverloren jener inzwischen fast vergessene Ton an den Tag und steigt da - doch, ich muss ein bisschen pathetisch werden, sonst kriegen wir das niemals mehr hin -, steigt da auf wie der Klang der Wahrheit: und trifft mich auf dem Stubenrad, mitten ins Herz, das angeknackste.

Ich glaube, es war die Stelle, als der Erzähler, er hat die Liebste schon geküsst, träumt, wie er mit einer, die er liebt, zwischen Görlitz und Dresden in einen Wald rennt. Ja, da war's: "... und huschten drüben in die glänzenden langnadligen Wälder; tauchten die Füße ins feste Gras, spannten ein Zelt unter die Kiefer; zwischen Görlitz und Dresden" (schlagen Sie das nach) - an dieser Stelle traf mich die Wahrheit irgendwo aus den Wörtern, hinter denen sie auf mich gelauert hatte. Ja, dachte ich, schwitzend auf diesem blöden Rad: ja.

Man muss nichts verstehen an der Wahrheit, auch darüber wäre noch viel zu sagen. Sie trifft eben, und zwar unvermutet, wie aus dem Hinterhalt; sonst könnte man ja einfach mit dem Fahrrad hin.