Sigbjørn Obstfelder, der bemerkenswerte norwegische Schriftsteller, der, erst 34-jährig, im Jahr 1900 verstarb, ist vielleicht am meisten für zwei Zeilen Poesie bekannt: "Ich sehe, ich sehe ... / Ich bin gewiss auf einen falschen Planeten gekommen!" Diese Zeilen drücken, wie es in den Handbüchern für nordische Literatur heißt, eine für den Dichter und die Epoche charakteristische Lebensangst aus. Was sie so faszinierend macht, ist nicht nur das. Die eigentümliche, oszillierende Vieldeutigkeit des Wortes "sehe", so wie es hier gebraucht wird, färbt auf alles andere ab.

Ist dieses "sehe" metaphorisch oder buchstäblich gemeint? Handelt es sich um einen physiologischen Vorgang oder einen kognitiven? Oder ist das, wovon Obstfelder spricht, vielleicht eine Synthese zwischen Denken und Sehen?

Semir Zeki, Professor für Neurobiologie an der London University, Fellow of the Royal Society und einer der führenden Köpfe auf dem rasch expandierenden Sektor, der sich speziell mit dem Sehen befasst, hat in seinem neuen Buch Inner Vision. An Exploration of Art und the Brain, Oxford 1999, keinen Hinweis auf Obstfelder. Aber diese Zeilen des unglücklichen Norwegers hätten tatsächlich wie maßgeschneidert zu seinen Theorien gepasst.

Wenn wir Zeki folgen, ist das Sehen im Wesentlichen eine Form des Denkens. Das in den letzten Jahrzehnten explosiv anwachsende Wissen über das, was im Gehirn geschieht, wenn wir sehen und unsere Außenwelt verstehen, führt notwendigerweise zu einer neuen Auffassung des Sehens. Zu sehen und zu verstehen sind nicht zwei verschiedene Prozesse, sondern ein und derselbe, wobei das Gehirn im ständig wechselnden Wirrwarr der Signale aus der Außenwelt versucht, verschiedene, einigermaßen stabile Muster herauszubilden, die eine verständliche Welt ermöglichen. Oder vielleicht sollten wir sagen: "eine leidlich begreifliche und einigermaßen zu handhabende Welt"?

Dass der Prozess, den das Sehen darstellt, in Wirklichkeit hoch differenziert und nicht nur in einem einzigen Bezirk der so genannten Hirnrinde lokalisiert ist, sondern in mehreren, ist ja keine absolute Neuheit. Ein kleiner Bezirk, V4, im innersten Teil der hinteren linken Gehirnhälfte, wurde bereits von dem schweizerischen Arzt Louis Verrey mit dem Farbensehen in Verbindung gebracht. Allen wohlbekannt, die sich mit dem Phänomen Farbe zu befassen hatten, philosophisch oder neurologisch. Einige Leser erinnern sich vielleicht an Oliver Sacks' klinische Anekdote von dem Maler Mr. I., der nach einem Verkehrsunfall mit totaler Farbenblindheit geschlagen war. (Nachzulesen in seinem Buch An Anthropologist on Mars, 1995).

Was der unglückliche I. nach seinem Unglück sah, war eine triste Welt, eine Welt in Schwarzweiß, aber nicht, was wir gewöhnlich mit Schwarzweiß meinen, sondern etwas, das wir mit gutem Grund hoffen niemals sehen zu müssen, die ungesehene Welt, die das von V4 unbearbeitete V1-Signal darbietet. Er sah, könnte man vielleicht sagen, auf eine Weise, die für das normale menschliche Gehirn nicht nachvollziehbar ist.

Die Hirnforschung hat also schon seit geraumer Zeit zeigen können, dass die visuelle Bearbeitung reich differenziert ist; sie besteht nicht aus einem, sondern aus vielen verschiedenen Prozessen. Da geschehen Kontrastverstärkung, Konstanthaltung, vertikale und horizontale Ablesung des optischen Signals, jede Grundfarbe hat sogar ihr eigenes Prozessfeld. Und etwas, das die modernste Forschung hat nachweisen können, ist sogar noch bemerkenswerter: die einzelnen Prozesse laufen nicht ganz gleichzeitig ab. Die Farbenperzeption liegt beispielsweise um 60 bis 80 Millisekunden vor der Bewegungsperzeption. Das sind keine langen Zeiträume, gemessen an einer Sekunde, aber sehr lange, wenn man sie etwa mit den elektronischen Abläufen in einem gewöhnlichen Rechner vergleicht.