Ein Film wie Rosetta rechtfertigt das Überleben des Kinos. Wenn so ein Satz einmal dasteht, geht vieles schon leichter. Wenn sich ein großes Herzklopfen nicht geradewegs in sachliche Worte übersetzen will, muss man mit einer Umarmung beginnen.

Dabei lässt sich Rosetta, die Heldin, nur ungern umarmen. Und auch Rosetta, der Film, ist zu selbstständig und klarsichtig und hart, um sich von raschen Gefühlen stillstellen zu lassen. Beide schenken sich nichts und wollen auch nicht beschenkt werden. Sie betteln um nichts, obwohl sie, auf den ersten Blick zumindest, arm und machtlos sind, gemessen an den Typen auf der Siegerstraße. Im Gegenteil: Rosetta und Rosetta fordern mit der Art und Weise, wie sie in der Welt sind, diese Siegerwelt unmittelbar heraus.

Es beginnt mit Türen, die aufgerissen und zugeschlagen werden. Rosetta, ein Mädchen im Teenageralter, stürmt durch die Gänge, attackiert ihren Chef, hält sich verzweifelt am Spind fest, als zwei Polizisten versuchen, sie aus dem Betrieb zu befördern. Sie hat ihre (Hilfs-)Arbeit verloren. Alle bestätigen: Sie arbeitet gut, "aber die Probezeit ist zu Ende".

Rosetta (Emilie Dequenne) lebt mit ihrer Mutter in einer Wohnwagensiedlung am Rand der belgischen Kleinstadt Seraing bei Liège; eine halbe Autostunde von Maastricht und von der deutschen Grenze entfernt. Rosetta ist meist zu Fuß unterwegs. Zwischen der Stadt und ihrem Wohnwagen liegt ein kleiner Wald. Dort wechselt sie bei jedem Durchgang ihr Schuhwerk und kontrolliert, ob sich in den Flaschen, die sie im Schlammteich auslegt, Fische gefangen haben. Ihr Verhältnis zur Mutter ist aggressiv. Rosetta erhält die Zweierfamilie aufrecht, mit dem einzigen Ziel, ein "normales Leben" zu führen und einen besseren Platz zu erobern. Die Mutter hingegen scheint sich im Pauperismus eingerichtet zu haben: im Alkohol, am Campingplatz, im Tausch von sexuellen gegen materielle Leistungen beim "Niemandslandlord". Einmal, als Rosetta heimkehrt, setzt die Mutter vor dem Wohnwagen eine Pflanze in die Erde. Rosetta schreit: "Warum? Wir bleiben doch nicht hier!"

Körperlichkeit und physische Nähe sind das erste Kriterium dieses Films und seiner Bilder: Rosettas Körper, der mit Händen und Füßen einen haltlosen Raum beschreibt; der Gewichte zu tragen und Wegstrecken zurückzulegen hat. Körper bei der Arbeit und Hände, die sich an dieser Arbeit - als dem einzigen Recht, das Rosetta beansprucht - richtiggehend festkrallen. Und schmerzende, aufeinander prallende, angegriffene Körper. Für Rosettas Bauchkrämpfe, die sie mit heißer Luft aus dem Haarföhn "behandelt", gibt der Film keinen genauen Grund an. Vor allen Erklärungen steht in Rosetta bis zuletzt ein konkreter, sinnlicher Erfahrungszusammenhang.

Vom ersten Bild an heftet sich die Kamera an die Figur. Oder richtiger: Die unvorhersehbaren Bewegungen der Figur reißen den Blick mit sich. Schleudernd und "mit geweiteten Augen" versucht der Kameramann, in Rosettas Raum und Rosettas Zeit zu bleiben: Sie, die in jeder Einstellung zu sehen ist, dirigiert und "inszeniert" gleichsam die Kamera. Dieses ungewöhnliche Verhältnis verdankt sich einer langen Vorbereitungsphase, in der die beiden Regisseure, das belgische Brüderpaar Luc und Jean-Pierre Dardenne, mit der Darstellerin nicht so sehr die Filmhandlung, Motivation, Psychologie erarbeiteten, sondern vor allem die Handlungen, Routinen, die materiellen Details von Rosettas Existenz. Es ging darum, vorhandene Widerstände in der Realität (und in der Realität des Drehens) nicht auszuräumen, sondern die Reibung daran, den "Protest" spürbar zu machen.

Das gilt auch für die ruhigen Augenblicke des Films, in denen Rosetta einen Freund gewinnt. Der junge Riquet arbeitet in einer Fastfood-Bude und verhilft ihr kurzfristig zu einem neuen Job. Die lange Szene zwischen den beiden in Riquets düsterer Wohnung ist zärtlich, aber nicht geschmeidig. Ihre Aktivitäten - Trommeln, Essen, Gymnastik, Biertrinken, Tanzen - artikulieren erneut den Willen zur "Normalität" und zugleich den Widerstand, den der ungelenke Körper ausübt. In Rosettas Überlebensökonomie sind Tanzenkönnen und Musikhören ein unbezahlbarer Luxus.