Sein Kopf sinkt langsam nach vorn und zuckt zweimal von unten nach oben - als würde er aus einem Nickerchen hochschrecken. Doch Manfred Matthes ist hellwach. Seine Augen flackern von rechts nach links, seine Hand zuckt mit einem Stift über die Zeilen vor ihm. Schnell, viel zu schnell. Kaum jemand würde das, was er tut, für Lesen halten. Doch Herr Matthes hat tatsächlich einen Text vor sich. Der lag zufällig auf dem Tisch und ist gut 4000 Zeichen lang - etwas mehr als eine eng beschriebene DIN-A4-Seite. Fertig!, sagt er nach zehn Sekunden. Und grinst.

Herr Matthes trainiert nicht für Wetten, dass ...? Seine hastige Art, Buchstaben aufzusaugen, ist Folge seines Berufs

eine Art professioneller Deformation. Nur, dass Matthes sich nicht deformiert fühlt. Er und seine Angestellten tun den ganzen Tag nichts anderes als zu lesen. Sie lesen Zeitungen - möglichst schnell - und zerschneiden sie dann. Die Schnipsel sind in der Mediengesellschaft eine begehrte Ware.

Hunderte von Tageszeitungen, Wochenzeitungen, Zeitschriften und Magazinen erscheinen allein in Deutschland. Wenn man alles bis zur Heinsberger Volkszeitung, dem Schwarzwälder Boten oder dem Usedom Kurier verfolgen will, kommt man auf über 2000 Publikationen. Ein Mahlstrom von Nachrichten und Meinungen, unermüdlich produziert von rund 60 000 Journalisten. Wer da durchblicken will, muss lesen lassen.

Unternehmer lassen sich die Resonanz zum Börsengang oder zur Markteinführung des neuen Toasters gebündelt vorlegen. Politiker wollen wissen, was das Volk über sie zu lesen bekommt. Verbände fragen die Kommentare der Presse zu ihrer aktuellen Kampagne gesammelt ab. PR-Leute messen ihre Kampagne für einen neuen Kinofilm daran, wie viele Besprechungen bundesweit erscheinen - entscheidend ist die Zahl, weniger der Inhalt. In der Informationsgesellschaft sind Zeitungsmeldungen die Währung für Erfolg oder Nichterfolg. Und Matthes liefert sie.

Der Rohstoff für seine Arbeit wird in acht großen Postsäcken täglich vor der Metropol Gesellschaft für Medienbeobachtung in Berlin-Charlottenburg abgeladen. Gut ein Dutzend Ausschnittbüros teilen sich in Deutschland das Geschäft mit der zweiten Nachricht, die Metropol ist eines der ältesten.

Gegen fünf Uhr früh vertiefen sich hier die ersten Lektoren in die großen Blätter. Süddeutsche Zeitung, FAZ, Frankfurter Rundschau - insgesamt 20 Titel werden für den Express-Dienst ausgewertet. Dessen Kunden bekommen die Artikel zu ihren Suchbegriffen um 8 Uhr per Fax. Wenn die meisten Zeitungsleser gerade beim Frühstück die Zeitung aufschlagen, haben einige Entscheider schon ihre Auswertung der überregionalen Presse gelesen.