Es dominiert die Vorahnung von Kränkung und Bitterkeit. Das ist doch unerklärlich! Das ganze Leben: kein Ereignis, kein Erfolg (andere, wie Schaljapin zum Beispiel, wissen nicht, wohin damit). Du aber sitzt da und wartest immer noch ..." Das schrieb Iwan Bunin 1933, in der Annahme, den Nobelpreis nicht zu bekommen, den er dann doch erhielt. Er lebte damals mit seiner Frau Vera im provenzalischen Städtchen Grasse. Russland hatte er hinter sich gelassen, wo er als Sohn eines verarmten Gutsherrn zur Welt gekommen war, früh zu schreiben anfing und bald zu einem erfolgreichen Schriftsteller wurde. Das Emigrantenleben war für Bunin seit 1920 eine bewusste Wahl und blieb die Erfüllung einer Pflicht, obwohl er, wie andere im Westen lebende russische Berühmtheiten, mehrmals nach Sowjetrussland zurückgerufen wurde. Anders als Bunin haben Gorkij, Kuprin, Alexej Tolstoj die Heimkehr gewählt und fanden bessere Lebensumstände als ihr standhafterer Kollege.

In seiner Rede Die Mission der russischen Emigration (1924) sagte Bunin, er bete um die Beständigkeit "heiligen Hasses", denn man dürfe weder vergessen noch vergeben, was Russland durch die Revolution angetan wurde. Da hatte er noch lange Jahre vor sich: Alter, Krankheit, Armut. Der Nobelpreis war schnell aufgebraucht, zum Teil an bedürftige Autoren verschenkt. Doch auch Erfolge standen noch aus: beispielsweise der Erzählband Dunkle Alleen. Bunin hat ihn als 70-Jähriger geschrieben, im besetzten Frankreich - auf der Suche nach dem verlorenen Russland und der verlorenen Jugend, sein wahrscheinlich bestes Buch, das mit seiner sinnlichen Kühnheit viele konservative Leser schockierte.

Manchmal hat Bunin notiert, wie er zu seinen Sujets kam. So wurde er im Juni 1914 auf dem Schiff von einer Verehrerin angesprochen, einer kleinen, netten, früh gealterten Frau. Er begann "unwillkürlich zu flirten" und fing einen vorwurfsvollen Blick seines älteren Bruders auf. Die Dame wurde verlegen und ging. "Hab gehört, wie du dich aufgespielt hast. Widerlich!", sagte der Bruder. Aus dieser Episode entstand die Erzählung Visitenkarten, wo der Autor "das Abenteuer zu Ende führt" und dieser Frau aus ferner Vergangenheit einen schönen Körper schenkt. Er erfindet Schlüsselbeine, die zu einem schmalen Gesicht und den schlanken Beinen passen, unerwartet schwere Hüften, einen flachen Bauch mit einem kleinen tiefen Nabel, darunter das vorgewölbte Dreieck dunklen schönen Haars im Einklang mit dem fülligen dunklen Kopfhaar.

Seit seiner Jugend suchte Bunin Worte für das Wunder des weiblichen Körpers, wollte ihn so selbstverständlich und einfach darstellen, wie es die Maler tun. Als er das endlich erreicht hatte, musste er sich vor manchem Leser rechtfertigen. "Es ist gar nicht schlüpfrig, sondern tragisch ... alle Erzählungen dieses Buches handeln nur von der Liebe, von ihren dunklen und oft finsteren und grausamen Alleen." Der Titel des Bunin-Bandes Liebe und andere Unglücksfälle passt gut. Der Zauber seiner Sprache ist eigentlich unübersetzbar. Mal gelingt es, seine Sprachmalerei wiederzugeben, mal wird der Ton seiner unnachahmlichen Satzmelodie getroffen oder die Lebendigkeit seiner Dialoge zu Gehör gebracht. Bunin wollte vor allem das Undefinierbare erfassen, das Unheimliche, Unsichtbare und Allgegenwärtige, das, was in der Antike Eros genannt wurde. 1870 geboren und 1953 gestorben, gehört er zu den letzten großen Realisten

zumindest gilt das für die in Russland verfassten Werke. Mit den in Frankreich geschriebenen Erzählungen betritt er das Reich der Moderne. Sein Erzählstil konzentriert sich immer kunstvoller auf das Hauptthema, immer sparsamer dosiert er Bilder und Details, die gleichzeitig immer schärfer werden, fast irreal in ihrer Körperlichkeit. In diesen wie durch ein Vergrößerungsglas gesehenen Details spiegelt sich jetzt die ganze Welt.

In Dunkle Alleen trauert Bunin um das von den Kommunisten versklavte, vom Krieg verbrannte Russland. Wie bei anderen Emigranten ließ der heilige Hass während des Krieges etwas nach. Also trauert er dem vergangenen Leben, der von Schrecklichem und Wunderschönem erfüllten irdischen Existenz nach, an die sich der zutiefst religiöse Bunin mit den Worten wendet: "Amata nobis quantum amabitur nulla!" Zu Deutsch: "Wie sie geliebt wurde, keine wird mehr so von uns geliebt!" Im Russischen ist Russland weiblich. Leben auch.

Iwan Bunin: Liebe und andere Unglücksfälle

Novellen

aus dem Russischen von Erich Ahrndt, Charlotte Kossuth, Georg Schwarz, Ilse Tschörtner

Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001

400 S., 48,- DM