Christoph Kistner schüttelt den Kopf. "Was zurzeit abläuft, ist absurd."

Dem Straußenzüchter im badischen Rheinmünster "rennen die Leute die Bude ein". Bis aus Zürich kommen Kunden auf seine Farm, Kombis karren zentnerweise das begehrte Straußenfleisch weg - BSE macht's möglich. Auch die Karstadt-Lebensmittelabteilungen melden Engpässe: "Wir können die Nachfrage nicht immer befriedigen", sagt deren Sprecher Michael Scheibe. Das rindähnliche Fleisch der afrikanischen Lauf- und Steppenvögel steht derzeit hoch im Kurs. Verbraucher mit Rinderfleischphobie wähnen sich bei Steak vom Strauß auf der sicheren Seite.

Möglicherweise zu Unrecht. Denn es ist keineswegs geklärt, ob das dunkle Vogelfleisch tatsächlich völlig unbedenklich ist. Die Vögel können in Gefangenschaft eine BSE-ähnliche Krankheit entwickeln. Deutsche Zoostrauße, die unter anderem mit Tiermehl gefüttert worden waren, zeigten Ende der achtziger Jahre Symptome des Rinderwahns - sie torkelten, fielen hin und pickten beim Fressen daneben. Bei der Untersuchung stießen Experten der Tierärztlichen Hochschule Hannover im Hirn der Tiere auf die gleichen Löcher wie bei BSE-infizierten Rindern. "Die Befunde waren nicht zu unterscheiden", sagt der Untersuchungsleiter Heinz-Adolf Schoon, heute Tierpathologe an der Universität Leipzig. Geld für weitere Forschung wurde nicht bewilligt - kein Bedarf, hieß es damals.

Adriano Agguzzi, Neuropathologe von der Universität Zürich, hält den Wahn beim Strauß dagegen für unwahrscheinlich. Dazu seien die Prionen von Vögeln und Rindern nicht nahe genug miteinander verwandt. Zudem erinnerten viele Krankheitsbilder bei Tieren an BSE. Endgültige Gewissheit könnte nur ein biochemischer Test erbringen. Das britische Landwirtschaftsministerium nimmt die Gefahr einer Übertragung auf Vögel zumindestens ernst und hat entsprechende Untersuchungen anberaumt.

Solche Tests wären auch bei Straußen sinnvoll. Denn viele deutsche Straußenhalter mästeten ihre Vögel seit Jahren offenbar kräftig mit Tiermehl.

Die Branchenfibel Straußenhaltung empfiehlt schon bei der Kükenaufzucht Tierkörper- und Knochenmehlzugaben bis zu 18 Prozent am Gesamtfutter - viermal mehr, als früher bei Rindern üblich. Auch der Bundesverband Deutscher Straußenzüchter (BDS) ermunterte seine Mitglieder in "Sachkundeseminaren" zur fortgesetzten Kadavermast: Tierkörpermehl habe einen "hohen ernährungsphysiologischen Wert und sollte immer in einer Futtermischung für Strauße enthalten sein". Das Fütterungsverbot für Tiermehl vom Dezember schützt die Straußenesser wenig - das Fleisch auf ihren Tellern stammt aus der Zeit davor. Dass bislang offenbar nur Zoostrauße Anzeichen der BSE-Krankheit zeigten, hat einen Grund: Zooexemplare können bis zu 20 Jahre alt werden - alt genug, um offensichtliche Symptome zu entwickeln. So viel Zeit bleibt einem potenziell infizierten Zuchtstrauß nicht: Er wird mit 15 Monaten geschlachtet. BDS-Geschäftsführer Christoph Kistner gibt sich auf Nachfrage ahnungslos. Tiermehlzufütterung sei kein Thema - "Wer das macht, der hat 'nen Schuss", und bei Straußen ohnehin "sinnlos"

die Tiere könnten das Gras von der Koppel "sehr gut aufschlüsseln". Ausschließen mag er aber nicht, dass ein Landwirt mit Rindern im Stall seinen Maststraußen nebenher schon mal eine Schaufel Kadavermehl hingeworfen hat. "Aber das ist ja jetzt verboten."