Armes Brandenburg! "Von den 2245 Hufen, die der Kurfürst in Niederbarnim hat, genießt er nicht das geringste", berichten seine Amtmänner, Äcker und Felder sind verwaldet und verwildert. Als Zwanzigjähriger hatte Friedrich Wilhelm 1640 ein durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstetes Land geerbt, dazu ein zerfranstes Territorienkonglomerat, gestreut zwischen Niederrhein und Memel. Was hingegen einen reichen, prosperierenden Staat ausmacht, das war dem jungen Mann zuvor während seines Studiums im holländischen Leiden klar geworden: "Peuplierung" des Landes mit Ausländern, mit fleißigen Bauern und Handwerkern, mit Fachleuten, dazu kompetente Beamte, dazu Manufakturen, Überseehandel. Also versuchte der Kurfürst, seit 1646 mit der Oranierprinzessin Louise Henriette verheiratet, es den Holländern nachzutun. Und siehe, die Landschaft begann aufzublühen ...

Jetzt, 1675, er ist 55 und hat die Schweden am Hals (sie stehen schon vor Berlin), kommt wieder einmal ein Wink des Schicksals aus Holland. Ein Benjamin Raule, Ratsherr, Schöffe und Kaufmann in Middelburg auf Walcheren, bittet untertänigst um Ausfertigung eines Kaperbriefes. Der Kurfürst unterschreibt die Lizenz zum Seeraub im Februar, siegt im Juni bei Fehrbellin und nimmt den Schweden Vorpommern weg. Raule rüstet drei Schiffe aus, für weitere zahlt Brandenburg die Charter, und bringt in Kürze 21 schwedische Prisen auf. Doch es hat nicht sollen sein: Friedrich Wilhelm muss Vorpommern wieder hergeben, und Benjamin Raules Beute wird für illegal erklärt, er habe die holländische Flagge missbraucht.

Raule aber weiß jetzt, wo sein Weizen blüht: in Berlin, wo er à toute vitesse reüssiert. Am 14. Mai 1675 wird er dort zum "Marinerath" bestallt, "Schiffsdirecteur" 1676 und "Oberdirecteur unserer Seesachen" am 17. August 1677. Bei der Belagerung von Stettin 1677, der von Stralsund und der Eroberung Rügens 1678 befehligt der Kurfürst eine von Raule organisierte Flotte, die immerhin 502 Geschütze trägt.

Benjamin Raules Unternehmungen werden vom Berliner Hof gefördert, an seine aus Holland gekommene Familie gehen monatlichen Zahlungen. 1678 kauft er das alte Ballhaus auf dem Friedrichswerder und baut sich hier sein Berliner Wohnhaus mit Geschäfts- und Lagerräumen: "Raules Hof" gab es noch 1935 (musste dann dem Neubau der Reichsbank weichen, in dem heute Außenminister Joschka Fischer amtet). Ein Landgut im Osten vor der Stadt kommt dazu, das heutige Schloss Friedrichsfelde, vom Tierpark umgeben, dazu der Holzhandel in Havelberg, Grundeigentum in Potsdam, und von einem Weinberg in Berlin ist auch die Rede.

1680 segeln 28 Schiffe unter brandenburgischer Flagge; seit dem 20. Februar 1681 ist Raule "Generaldirecteur de Marine" im Range eines Obristen. Für die Flotte presst der Kurfürst soviel Geld aus dem Land wie nur eben möglich, auch für Kanalbau, Ansiedlungshilfen für Ausländer und eine agile Außenpolitik, die immer auch Krieg oder Kriegshilfe für wechselnde Verbündete bedeutet. Spanien zahlt vereinbarte Subsidien nicht: 800 000 Taler, nach anderen Quellen sogar 1,8 Millionen. Benjamin Raule hilft: Mitte 1680 geht ein kleiner Verband von acht Schiffen mit 172 Kanonen in den westlichen Atlantik. Zwei spanische Silberschiffe können gekapert und auf Jamaika profitabel verkauft werden. Auf dem Rückweg nimmt man den Spaniern noch die Fregatte Carolus Secundus weg; als Markgraf von Brandenburg wird sie des Kurfürsten Flaggschiff sein.

In Holland hatte er gesehen, was Überseehandel einem kleinen Land einbringen kann: "Seefahrt und Handlung sind die fürnehmsten Säulen eines Estats, wodurch die Unterthanen beides zu Wasser, als auch durch die Manufakturen zu Lande ihre Nahrung und Unterhalt erlangen." Anfang 1681 schickt Raule die Fregatte Wappen von Brandenburg und die den Schweden weggenommene, kleinere Mohrian an die afrikanische Goldküste (das heutige Ghana). In Berlin wird das General-Kommerz-Kollegium in Admiralität umbenannt, der Kurfürst trennt die militärischen von den handelspolitischen Aufgaben, Raule hört: "Er solle sich mehr um die Oeconomie und die Seehandlung kümmern." Er tut es, sein Salär beträgt jetzt 400 Taler monatlich; das ist eine ziemliche Summe in einer Zeit, da ein brandenburgischer Soldat nach Abzügen für Brot und Montierung einen Thaler und acht Groschen erhält.

Sklaven sind ein gutes Geschäft