Immer schon waren unter jenen legendären "Männern, die Geschichte machen", auch zwielichtige Abenteurer. Doch kaum einer von ihnen hatte so ungeheure historische Wirkung und geriet dennoch so in Vergessenheit wie jener Israil Lasarewitsch Helphand, der unter dem Decknamen "Alexander Parvus" in der zweiten Hälfte seines kurzen Lebens (1867 bis 1924) ein epochales Ereignis organisierte: Lenins bolschewistische Oktoberrevolution von 1917. Besessen von der Idee, die Zarenherrschaft in seiner russischen Heimat zu Fall zu bringen - und dadurch selbst viel Geld zu machen -, nutzt der Emigrant Parvus den Ersten Weltkrieg, um die Reise des Emigranten Lenin aus der Schweiz zu ermöglichen: im versiegelten 3.-Klasse-Eisenbahnwagen quer durch Deutschland, Schweden, Finnland bis Sankt Petersburg, aus dem Leningrad wird. Und Parvus, den Lenin lieber nicht mehr sehen will, kassiert Millionen Rubel und Goldmark vom kaiserlichen Deutschland, das sich von den russischen Revoluzzern vergebens eine gute Wirkung erhofft: Sieg im Westen durch Entlastung der Ostfront.

Die Lebensgeschichte des großen Drahtziehers Parvus hatte vor 36 Jahren zum ersten Mal Winfried Scharlau zusammen mit dem Oxford- Historiker Zbynek Zeman bis in kleinste Details erforscht und dargestellt. Leichter lesbar, bereichert durch inzwischen zugänglich gewordene Quellen und viele in Faksimile gedruckte Dokumente, folgt das Buch der Slawistin und Publizistin Elisabeth Heresch den verschlungenen Lebenswegen eines Mannes, der "vom enfant terrible zum politischen Souffleur" wurde. Schon im Frühjahr 1915 entwarf er handschriftlich für das deutsche Außenministerium ein 20-seitiges Aktionsprogramm für eine Revolution in Russland; der Plan (dessen Text in diesem Buch gedruckt ist) reicht von der "Vorbereitung eines politischen Massenstreiks" bis zur Entsendung einer "Spezialmission" zur Sprengung von Eisenbahnbrücken in Sibirien. Nachdem es Parvus geglückt war, Lenins Machtergreifung einzufädeln, zerschlug sich seine Hoffnung, selbst eine Moskauer Karriere zu machen; er fühlte sich von den Genossen verraten. Auch die deutsche Niederlage traf ihn so hart, dass er - fast prophetisch - den Siegern vorwarf, durch den Frieden von Versailles "das deutsche Volk zum Organisator des kommenden Weltkrieges zu machen". Rastlos reisend, organisierte er weiter seine Geschäfte, politische wie private, mit Devisen wie mit Damen, bis er sich in die Schweiz "rettete" und dann nach - Berlin. Hier kaufte sich Helphand-Parvus eine Luxusvilla am Wannsee und träumte als Zeitungsverleger vom "Zusammenschluß Westeuropas". Bis zu seinem plötzlichen Tod im Alter von erst 57 Jahren.

"Er wurde als Russe geboren und starb als Deutscher ... Was immer er vergötterte, wurde auch ihm zum Fluch." So lautet der fast sentimental klingende Nachruf seiner Biografin. Fasziniert von der Tragik (oder Tragikomik?) der Figur, fällt es ihr nicht immer leicht, das Chaotische in einer solchen - oft diplomatisch verschlüsselten - Welt der Agenten und Intrigen zu entwirren. Dennoch ist eine nicht nur für Fachhistoriker spannende Lektüre entstanden.

Elisabeth HereschGeheimakte Parvus. Die gekaufte Revolution. Biografie; Langen Müller Verlag, München 2000; 400 S., 49,90 DM