Drei Europäer im Schurkenstaat

Pjöngjang/SeoulSüdkoreas Staatspräsident Kim Dae Jung ist bewegt. Im Blauen Haus zu Seoul ehrt er den schwedischen Ministerpräsidenten Göran Persson mit einem Staatsbankett "zu einer Jahreszeit, da die Blumen des Feldes und der Berge in voller Blüte stehen und die Wärme des frühen Sommers die Erde umhüllt". Zwei Tage lang hat Persson, der amtierende EU-Ratspräsident, in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang versucht, den festgefahrenen Dialog zwischen Nord und Süd wieder flottzumachen. Mit dieser Reise, sagt Kim Dae Jung dankbar, habe Persson eine "stolze Seite im Buch der europäischen Geschichte" geschrieben.

Javier Solana, seit zwei Jahren Chefdiplomat der EU, erzählt am nächsten Morgen, bei dem Bankett seien viele Tränen geflossen. "Ich hatte das Gefühl, dass wir für die Menschen dieses Landes etwas Wichtiges getan haben."

In der Tat: Beherzt haben die Europäer auf der koreanischen Halbinsel die politische Initiative ergriffen, zu einer Zeit, da die neue Regierung in Washington noch auf der Suche nach einer Asienpolitik ist.

Präsident Kim Dae Jung scheint schon früh geahnt zu haben, dass er bald Hilfe gebrauchen könnte bei seiner "Sonnenscheinpolitik" gegenüber dem Norden. Am 10. Dezember vorigen Jahres erhält er in Oslo den Friedensnobelpreis. Auf dem Rückflug nach Seoul macht er Zwischenstopp in Stockholm. Mit Schwedens Sozialdemokraten verbindet ihn seit den Tagen Olof Palmes eine tiefe Freundschaft. Palme hat dem einstigen Regimekritiker Kim, den Südkoreas Militärherrscher ins Gefängnis warfen, zum Tode verurteilten, begnadigten und ins Exil verbannten, treu zur Seite gestanden. Schweden unterhält aber auch seit 27 Jahren diplomatische Beziehungen zu Nordkorea. Kein europäisches Land ist auf beiden Seiten der geteilten Halbinsel besser gelitten.

Demütigung in Washington Zum Jahreswechsel übernehme Schweden doch die EU-Präsidentschaft, fühlt Kim Dae Jung bei Ministerpräsident Persson vor. Ob dies nicht eine gute Gelegenheit sei, den Aussöhnungsprozess mithilfe Europas neu zu beleben.

Göran Persson stimmt zu. Diskret beginnt er auf seiner obligaten Rundreise als neuer Ratspräsident bei seinen Amtskollegen zu sondieren. Für die auf dem Kölner EU-Gipfel 1999 beschlossene gemeinsame europäische Außenpolitik zeichnet sich eine Herausforderung so ganz nach dem Geschmack des Schweden ab.

Drei Monate später reist Kim Dae Jung nach Washington. Er hofft auf Unterstützung seiner Sonnenscheinpolitik durch die neue Regierung. Doch George Bush fertigt ihn kühl ab. Er verübelt es Kim, dass Südkorea und Russland soeben beim Besuch von Präsident Putin den ABM-Vertrag als "Grundpfeiler der strategischen Stabilität" gewürdigt haben. Die Einhaltung eines von der Clinton-Regierung fast fertig ausgehandelten Abkommens über einen Exportverzicht, einen Produktions- und Teststopp nordkoreanischer Raketen sei nicht verlässlich zu verifizieren im Übrigen honoriere der Norden die Vorleistungen des Südens nicht.

Drei Europäer im Schurkenstaat

George Bush brütet über einer policy review, einer grundlegenden Überprüfung von Amerikas Asienpolitik. Was immer an ihrem Ende stehen mag: Unter Bush schlagen die Vereinigten Staaten gegenüber China und dem "Schurkenstaat" Nordkorea einen viel härteren Ton an als unter Bill Clinton. Wollte Außenminister Colin Powell zunächst noch an die "viel versprechenden Elemente" der Koreapolitik Clintons anknüpfen, musste er bald einsehen, dass Bush damit nichts im Sinn hat. Der Präsident hegt tiefes Misstrauen gegen das Regime des Diktators Kim Jong Il seine Pläne für eine Raketenabwehr rechtfertigt Bush mit der Unberechenbarkeit von Staaten wie Nordkorea. Mit Kim Jong Il verhandeln? Bush graut es davor. Damit freilich liefert er dem "geliebten Führer" den Vorwand, seinerseits den eben erst begonnenen Dialog mit dem "amerikanischen Vasallen" im Süden abzubrechen.

Tief deprimiert fliegt Kim nach Seoul zurück. Er fühlt sich von Washington gedemütigt und im Stich gelassen. Derweil kommen in Europa die vertraulichen Vorbereitungen der geplanten EU-Mission voran. Anfang März reist Stockholms stellvertretender Außenminister Hans Dahlgren für zwei Tage nach Pjöngjang.

Die Schweden stellen vier Bedingungen. Erstens: Gespräche auf höchster Ebene, also mit Kim Jong Il. Zweitens: Die Zusicherung des Nordens, an der gemeinsamen Erklärung des Korea-Gipfels vom Juni 2000 festzuhalten. Drittens: die Bereitschaft zu einem weiteren Gipfeltreffen mit dem Süden. Viertens: Gespräche über einen breiten Themenkreis - Menschenrechte, humanitäre Hilfe, Wirtschaftsreform, Öffnung des Landes nach außen, Nichtverbreitung von Atomwaffen.

Nordkorea lässt sich mit der Antwort Zeit. Am 22. März, einen Tag vor dem EU-Gipfel in Stockholm, gibt Vizeaußenminister Choi Su Hon im Gespräch mit Göran Persson endlich grünes Licht: Alle vier Bedingungen seien akzeptiert.

Beim Dinner am nächsten Abend beschließen die 15 Staats- und Regierungschefs: Die EU-Trojka reist Anfang Mai nach Korea.

Endlich einmal Weltpolitik treiben! Die schwedische Außenministerin Anna Lindh prescht im Überschwang vor: "Es wird klar, dass die neue amerikanische Administration eine härtere Linie gegen Nordkorea verfolgen will. Das bedeutet, dass Europa sich einschalten muss."

Sticht die Europäer, wie mancher in Washington mutmaßt, der Hafer? Welche strategischen Interessen verfolgen die 15 denn in Fernost? Und über welche Machtmittel verfügen sie, um ihrer Politik Nachdruck zu verleihen?

Drei Europäer im Schurkenstaat

Doch noch bevor es zu größeren transatlantischen Irritationen kommen kann, wird Anna Lindh zurückgepfiffen. Nein, es gebe keinen Streit mit Amerika, beharren EU-Diplomaten. Washington lege nur eine "Denkpause" ein. Tatsächlich hätte im State Department mancher wohl gern den Kurs der alten Regierung fortgesetzt. Madeleine Albright hatte erst im Oktober Pjöngjang besucht.

"Dies war der Ort, wo es eine Chance für neue Dynamik gab", sagt sie im Rückblick. "Ob ich bedauere, dass wir nicht mehr Tempo gemacht haben? Ja, ich wünschte, wir hätten es getan." Einstweilen ist diese Chance vertan. Und Europa kann nicht an die Stelle Amerikas treten. Göran Persson wird dies in Korea ein ums andere Mal wiederholen.

Ob auch Jacques Chirac oder Tony Blair unter dem blauen Sternenbanner angereist wäre? Vielleicht hüllen sich doch lieber die Kleinen in Europas Fahne. Weil diese sie etwas größer macht? Oder weil sie doch die besseren Europäer sind?

Auf den breiten, leeren Straßen Pjöngjangs schmücken Europas Farben nun zwei Tage lang ein Regime, das sein Volk dem Hunger und der Verwahrlosung ausliefert. In manchen Regionen haben die Menschen seit 1995 kein Stück Seife mehr gesehen, berichten Mitarbeiter einer westlichen Hilfsorganisation.

Zahnpasta? "Nicht dran zu denken!" Es fehlt an Trinkwasser. Zwei Drittel aller Krankheitsfälle sind Folgen mangelnder Hygiene. Die Kinder bleiben wegen Unter- und Mangelernährung in ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung zurück. "Das System lässt den Menschen keine Chance", lautet das bittere Resümee eines Nothelfers.

Wer eigentlich geht in diesem Land seiner Arbeit nach? Die Menschen sind von früh bis spät auf den Beinen, immer unterwegs mit einer Tasche, einem Beutel, einem Wägelchen. Sie organisieren. 100 Gramm Reis hier, ein paar Süßkartoffeln da, ein Bündel Reisig, ein Kinderjäckchen. Fernab vom Stadtzentrum, den Blicken ausländischer Besucher entzogen, drängen sich Abertausende auf den Bauernmärkten, wo an langen Holztischen geprüft, gekauft und getauscht wird. Allein die Bauernmärkte sichern noch eine Mindestversorgung die staatlichen Läden stehen leer.

Mit ihrer Autarkie-Ideologie "Juche" haben der 1994 gestorbene "Große Führer" Kim Il Sung und sein in dynastischer Folge regierender Sohn Kim Jong Il das Land in den Ruin getrieben. Das gibt längst auch Nordkoreas einzig verbliebener Freund China zu.

Drei Europäer im Schurkenstaat

"Kim Jong Il ist kein Reformer", sagt im Pekinger Außenministerium ein hoher Beamter. "Aber er hat begriffen, das Nordkorea am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs steht." Deshalb habe er den Dialog mit dem Süden aufgenommen.

In Shanghai, und das sei doch interessant, habe er sich jüngst amerikanische und japanische Joint-Ventures angeschaut. Ist also das China der Reformen Deng Xiaopings sein Vorbild? "Noch nicht", lächelt der Diplomat. Den Versöhnungsprozess in Korea hält er für "unumkehrbar". Die EU-Mission könne dazu beitragen, dass sich Nordkorea öffne. Allerdings sollten die Europäer nicht "mit erhobenem Zeigefinger" auf die Nordkoreaner zugehen, nicht gleich wieder auf eine "Verbesserung der Menschenrechte" dringen.

Genau das aber haben Persson, Solana und Patten - ohne erhobenen Zeigefinger - getan. Und siehe da: Noch in diesem Sommer wird die Europäische Union mit den Nordkoreanern ein Menschenrechtsseminar an der Universität Lund veranstalten. Dies ist eine gute Nachricht. Wie auch die Vereinbarung, Studiengruppen sollten nach Europa reisen, um dort zu lernen, wie die soziale Marktwirtschaft funktioniert.

Für die Südkoreaner am bedeutsamsten aber ist die Zusage Kim Jong Ils, am Aussöhnungsprozess festhalten und zu einem zweiten Gipfel nach Seoul kommen zu wollen. Für die Amerikaner wiederum zählt vor allem die Verlängerung des Raketentestmoratoriums bis zum Jahr 2003. Nordkorea hatte seinen Teststopp an den Dialog mit Washington geknüpft es hätte Bushs policy review also leicht zum Anlass nehmen können, mit den Raketenversuchen wieder zu beginnen. Waffen bleiben allerdings weiter Nordkoreas lukrativstes Exportgut. "Wenn wir Käufer finden, werden wir verkaufen", ließ Kim Jong Il die EU-Delegation wissen, bevor sie von Pjöngjang nach Seoul flog.

Schon diese Flugroute ist eine koreanische Sensation. Die Anzeigetafel über dem Abflugschalter ist leer. Keine ratternd buchstabierten Zielorte, keine aufleuchtenden Startzeiten. Die Tafel bleibt schwarz. Bis auf eine einzige Zeile: Flight JS 815, Destination Seoul, Departure 20.00.

Es könnte ein Flug wie jeder andere sein, stünde JS nicht für Air Koryo, eine Gesellschaft, die in keinem Flugplan auftaucht, und wartete der europäische Journalistentross nicht ausgerechnet in Pjöngjang auf den Abflug. Air Koryo fliegt dreimal die Woche nach Peking, ansonsten noch, wenn sich genügend Passagiere finden oder wenn mal wieder Geld gewaschen werden muss, nach Wladiwostok, Bangkok oder Macao.

An diesem Abend aber fliegt die in die Jahre gekommene Tupolew 154B mit ihren Spitzendeckchen und der offenen Gepäckablage über eine Grenze, die ein halbes Jahrhundert lang auch im Luftraum undurchdringlich war. Eine knappe Stunde nur, dann taucht das Lichtermeer von Seoul auf. Und während die Maschine auf der Landebahn des neuen, gigantischen Flughafen Incheon ausrollt, schallen aus dem Bordlautsprecher die gleichen jubelnden Soldatenchöre, zu denen frühmorgens die Menschen in Pjöngjang aus ihren Betonsilos trotten.

Drei Europäer im Schurkenstaat

Drei Europäer im Schurkenstaat. Persson, Solana und Patten haben umsichtig und klug agiert. Dankbarkeit aus Seoul, Applaus aus Peking, nach anfänglicher Irritation Unterstützung aus Washington: keine schlechte Premiere in Fernost.

Es werde in Zukunft häufiger Missionen wie diese geben, kündigt Persson am Ende der Reise zufrieden an.

Die Südkoreaner hätten nichts dagegen. "Kim Dae Jung steckte nach dem Debakel seiner Washington-Reise in einem Tunnel", sagt Kim Young-hie, Chefredakteur der Joongang Ilbo, einer der drei großen Zeitungen Südkoreas. "Mithilfe der EU-Delegation hat er einen Notausgang gefunden." Europa, ohne Truppen und ohne unmittelbare strategische Interessen in Asien, könne mit dem benefit of distance, dem Vorzug des Abstands, glaubwürdig als Mittler auftreten - "wenn es seinen Ehrgeiz als Friedensstifter auf der Halbinsel nicht übertreibt".

Ein strahlender Sonnabendnachmittag in Seoul. Der Präsidentenberater hat seine Krawatte abgelegt. Durch das offene Fenster dringen aufgeregte, helle Stimmen. Südkorea feiert den Tag des Kindes, Gardesoldaten in weißen Uniformjacken führen Schulklassen durch den Park des Blauen Hauses. "Die Europäer haben ihren Job gut gemacht", zieht der Berater Bilanz in den nächsten Tagen komme nun Richard Armitage nach Seoul, Amerikas stellvertretender Außenminister, Ende des Monats Colin Powell. Es klingt ein wenig, als wolle er sagen: Dann wird wieder richtig Politik gemacht, mit härteren Bandagen als in diesen friedlichen Tagen koreanisch-europäischer Harmonie.