DIE ZEIT: Herr Schäuble, Sie warnen davor, vorschnell auf Forschungsoptionen in der Gentechnologie und Biomedizin, zumal für die Arbeit mit Stammzellen, zu verzichten. Ist das Heilungsversprechen, das für viele Krankheiten darin zu liegen scheint, der Grund für Ihre überraschend offene Haltung?

Wolfgang Schäuble: Normierung durch den Gesetzgeber steht immer besser am Ende einer Debatte als am Beginn. Was aber nicht heißt, dass es keine Prinzipien gäbe, an die man sich halten muss. Deshalb plädiere ich lediglich für eine offene, engagierte Debatte.

ZEIT: Eine Debatte, wie der Bundeskanzler gesagt hat, "ohne ideologische Scheuklappen"?

Schäuble: Ich bin weniger easy-going, etwas alemannischer als der Bundeskanzler. Es geht um die Frage, wo menschliches Leben beginnt.

ZEIT: Es geht doch ganz grundsätzlich um die "Heiligkeit des Lebens". Das ist eine der Kernaussagen der judäo-christlichen Tradition, die bei uns in der Verfassung als die "Würde des Menschen" von Anfang an auftaucht. Wieso wollen Sie als christliche Partei, auch als konservative Partei, die auf die Mitte zielt, diese Debatte abwarten und nicht Position beziehen?

Schäuble: Das, was Sie "heilig" nennen, das ist doch unsere Position. Aber auf dieser Grundlage kann man zu unterschiedlichen Antworten kommen. In der jüdischen Kultur ist Mensch, wer von einer Frau geboren ist. Im Embryonenschutzgesetz haben wir eine andere Position eingenommen. Man hat diese Debatte lange nicht unter dem Gesichtspunkt einer Verschmelzung von zwei Zellen in vitro geführt, also außerhalb des Mutterleibs, und die Frage muss erlaubt sein, ob wir uns menschliches Leben unabhängig von der Mutter vorstellen wollen.

ZEIT: Wollen Sie?