Er winkt uns zu sich. Winkt er uns? Bei ausgestrecktem Arm bewegt er die Finger, als sollten wir zu ihm auf die Bühne kommen. Doch die Handfläche zeigt nach unten, also gräbt er, sucht er Halt. Was nun also? Die Gestik des Sängers Michael Stipe ist ein Rätsel aus vertrauten und verschlüsselten Bewegungen, sie scheinen der Gestensprache der Taubstummen entlehnt, sie ziehen an und schaffen doch mit einem kleinen Dreh mediale Distanz. Ich bin euch nah, bleibt mir fern.

R.E.M., die Lieblingsgruppe der denkenden Rockfans, haben ein neues Album veröffentlicht, stehen auf einer Bühne vor dem Kölner Dom, spielen für 60 000 euphorisierte Alterslose ihre Lieder. Nichts Neues im Popgeschäft, meint man, und doch ist da eine neue Qualität hörbar - Kugelgestalt der Popzeit -, die wieder bringt, was kommen wird. Die neuen Stücke klingen so vertraut wie die alten, ohne sich zu wiederholen. R.E.M. stehen auf ihrem Höhepunkt, sind ganz spielender Mensch, sie können nichts falsch machen, weil sie nichts anderes mehr wollen als ihre Musik. Und sich dabei schrecklich glücklich zu fühlen.

"Thats sugarcane that tasted good / that cinnamon that's Hollywood / C'mon C'mon, no one can see you cry"' klingt bittersüß und mitsingbar der Refrain auf Imitation of Life, ihrer neuen Single, das Video dazu präsentiert in breughelscher Überfülle und Detailakkuratesse eine Party am Hollywood-Pool.

Da zuckt Stipe im Tanz, gießt Bassist Mike Mills Champagner in eine Gläserpyramide, hockt Gitarrist Peter Buck, einen Affen auf dem Schoß, und zupft stoisch seine kleine Gitarre. Und drum herum: küsst, quatscht, zerrt, singt, läuft, brennt es, 100 Statisten spielen Leben, vorwärts und zurück, manches glaubt man gerade gesehen zu haben, schon ist es wieder neu.

Es ist das R.E.M.-Prinzip in Perfektion: die Gleichzeitigkeit von Stillstand und Bewegung, von Identität und Differenz. Nur etwa 30 Sekunden umfasst die Sequenz dieser Pool-Szene und wird dann vier Musikminuten lang vor- und zurückgespult, der Zuschauerblick mit Zooms und Unschärfen fokussiert, in 100 Einzelheiten aufgelöst, und doch bleibt alles nur eine Einstellung, ein Song.

Die Videos von R.E.M. (nach rapid eye movement benannt, der aktiven Traumphase beim Schlaf) entsprechen der Ästhetik ihrer Musik: empfindsam arrangierte, verwackelte Technik und eingängige Motivik. Der melodiöse Bass und die klare Stimme von Mills sorgen für die Popqualität, die verschleppte Dröhngitarre von Buck sichert das punkige Rockfeeling, und Stipes genuschelter, nebenhöhlengebremster Gesang verkörpert die Underground-Faszination. Ob es die stilisierte Carvaggio-Filmikone zu Losing My Religion war oder die kunstvoll verkratzten Schwarzweißaufnahmen zu Man On The Moon sind, ob schneller Bildschnitt oder Handkamera - immer überlagern sich Untergrund-Touch und Mainstream-Gefühl. Und wenn schon Playback, dann dürfen auch Statisten den Mund bewegen, aber bitte schön doch so verzögert, dass aus der Lüge eine asynchrone Kunstpause wird.

Das Beach-Boys-Gefühl