Da liegt sie, 60 600 Bruttotonnen schwer, von Ihrer Majestät, der Königin der Niederlande, persönlich getauft. Die Pride of Rotterdam riecht neu und ist schlicht gewaltig. Schlicht, weil sie eigentlich nur als Fähre den Dienst antritt, gewaltig, weil sie die Superlative wie Sektkorken knallen lässt.

Wer sie von außen betrachtet, schaut zwölf Stockwerke hoch und sieht 215 Meter lang. Eine Mietskaserne mit Wasser drunter, sagen nüchterne Betrachter. Wer sich in ihren Bauch traut, kommt erst einmal durch hohe Lagerhallen und riesige Stauräume (für 250 Autos und 400 Frachteinheiten, das heißt insgesamt 4,5 Kilometer Platz für Pkw und Lkw). Weiter oben wird er breite Treppen, Restaurants, Einkaufszentren, eine Kinderspielkammer, Bars, Ruheräume, Kinos, Spielsalons und sogar eine Internet-Ecke finden. Dann wird er sich im Labyrinth enger Gänge mit 546 Kabinen für 1360 Passagiere (davon 6 für Behinderte) mühelos verirren und schließlich, nach zwei Schlucken an der irischen Whiskeybar, glauben, was die PR-Leute von P&O North Sea Ferries verkünden: Dies hier sei nicht etwa eine seegängige, hochhausartige Pendlerin zwischen Rotterdam und Hull in der Mitte Englands, sondern das größte und luxuriöseste Fährschiff der Welt.

Vorbei die Zeit der Schlafsessel, vorbei der Jugendherbergscharme mit den entsprechenden Preisen. Das Zauberwort der neuen Ära von Nordseeriesen heißt Kreuzfahrtgefühl. Seit dem 30. April können die Ferien an Bord beginnen.

Die Überfahrt dauert elf Stunden und kostet, je nach Saison, Auto und Kabinenwahl, zwischen 530 und 2661 Mark. Im November wird das ebenso gigantische Schwesterschiff Pride of Hull dazukommen.

Was die Traumschiffe für eine Nacht den Urlaubsreisenden bieten, erklärt der geschäftsführende Direktor, sei die erholsame Alternative zum schnellen Trip durch den dunklen Tunnel. Wer an Bord geht, spart den Umweg über Calais, also teures Benzin, und bekommt statt Stress im Stau ein elegantes Entertainment-Erlebnis. Für die Arbeiter unter den Gästen gibt es separate Fazilitäten auf Deck sieben: Die Lastwagenfahrer haben da ihre eigene Lounge, ein eigenes Restaurant und eine Kabine mit Dusche, damit sie frisch und ausgeschlafen weiterfahren können.

Keine Frage, dass das Kreuzfahrtkonzept sich durchsetzt, sagen die Nordseeschiffer von P&O. Durchaus eine Frage, sagt der Sprecher der schwedischen Stena Line. Seit der Öffnung des Tunnels mussten über ein halbes Dutzend Fährunternehmen ihren Betrieb einstellen, gibt er zu bedenken. Und als Stena vor einigen Jahren zwischen Hoek van Holland und Harwich mit dem Cruise-Konzept experimentierte, stellte sich heraus, dass es auf einer Siebenstundenroute nicht funktioniert. Die Stena Line hat seither auf fliegendschnelle Katamarane umgerüstet. Sie schaffen die Strecke in dreieinhalb Stunden, dazu passend wird Fast Food serviert.

Die Manager der P&O dagegen rechnen mit dem wachsenden Verwöhnbedürfnis finanzkräftiger Touristen. Schon im letzten Jahren transportierte die Reederei eine Million Passagiere und 650 000 Frachteinheiten und setzte 200 Millionen Pfund (fast 650 Millionen Mark) um. Jetzt vertraut sie darauf, dass sich trotz Tunnel, trotz Ende der zollfreien Einkaufsorgien oder zeitweiliger Widrigkeiten wie Maul- und Klauenseuche ihr Angebot im verschärften Wettbewerb durchsetzt.