Dagegen können sich viele Mitarbeiter eine enge Zusammenarbeit nicht vorstellen. Bol war vor 1999 in Rheda-Wiedenbrück entstanden, einen Steinwurf vom Buchclub entfernt. Von da aus zog der Frischling in die weite Welt - zunächst nach München. Die Pioniere wollten weg aus einer Gegend, in der Raps auf den Bahngleisen blüht und makellose Mähdrescher auf Güterzügen des ersten Einsatzes harren. Das Geschäft des Buchclubs hielten die jungen Wilden für überholt, dessen Mitgliederkartei für ein Sammelbecken alternder Kunden. Man kannte einander aus der Kantine, konnte sich aber nicht vorstellen, zusammen zu arbeiten. "Es gibt da durchaus Mentalitätsunterschiede", untertreibt Wulf Böttger, Geschäftsführer des deutschen Buchclubs.

Ist es trotzdem richtig, den Online-Händler in den Buchclub einzusortieren? Zweifel sind angebracht: Die vermeintlichen Vorbilder - Otto, Quelle und Tchibo - bieten ihr normales Sortiment im Internet an. Im Gegensatz dazu betreiben die beiden Bertelsmann-Töchter völlig unterschiedliche Geschäfte. Der Online-Händler liefert alle Bücher dieser Welt an die ganze Welt. Der Buchclub dagegen verkauft an seine Mitglieder 1200 Titel, und die haben ein unverwechselbares Äußeres. Um das zu verstehen, muss man Rudolf Rodinger nur bei der Arbeit folgen. Wenn der Produktionsleiter des Buchclubs eine Lizenzausgabe von Sebastian Haffners Geschichte eines Deutschen oder von Barbara Woods Himmelsfeuer vorbereitet, dann nimmt er das Original in seine großen Hände. Er hält es prüfend und denkt sich die Hülle weg, schaut, ob das Format zu den Büchern im Club passt, und blättert am Ende ein wenig, ob ihm die Schrift gefällt. Nebenbei kalkuliert er im Hinterkopf, was es kosten würde, das Ganze neu setzen zu lassen. Einband und Umschlag muss er ändern, um die deutsche Buchpreisbindung zu umgehen und die Werke billiger zu verkaufen - so lautet die Übereinkunft mit Verlagen und Händlern. Mit den Ergebnissen hat der Club schon mehrmals den Preis Schönstes Buch des Jahres gewonnen.

Allerdings wollten bis vor kurzem immer weniger Leser die schönen Bücher kaufen. Nach der Wiedervereinigung stieg die Zahl der Mitglieder zwar sprunghaft von 4,8 Millionen auf sechs Millionen, doch seither sank sie bis unter das Vor-Wende-Niveau. "Die Leser haben immer individuellere Interessen, das kann unser Universalclub nicht alleine auffangen. Wir leben seit 51 Jahren davon, dass wir die Bücher für unsere Leser auswählen", beschreibt Böttger sein Dilemma. Alles Mögliche haben die Manager versucht: den Katalog modernisiert, eine virtuelle Filiale im Internet eröffnet und die 300 Club-Läden umgebaut, doch es blieb bei kleinen Erfolgen.

Auf keinen Fall will Böttger das Mitgliedermodell aufgeben und gründet stattdessen Spezialclubs; der erste Test beginnt im Juni mit dem Genre "Nackenbeißerroman", romantische Geschichten wie etwa Heißes Versprechen von Amanda Quick. "Wir wissen sehr viel über unsere Leser. Das wollen wir nutzen, um sie gezielter anzusprechen. Wir denken auch an Themen wie Kochen oder Krimis." Mehr Bücher eines Genres für deren ausgewiesene Liebhaber brächten höheren Umsatz, hofft Böttger. Erste Vorläufer des Konzepts - kleine Clubs für den Otto Versand und für RTL -, sind erfolgreich, was auch dazu beiträgt, dass die Mitgliederzahl beim Club wieder steigt und Böttger "einen Gewinn im operativen Geschäft" voraussagt.

Und welche Rolle bekommt Bol zugewiesen, damit die aktuelle Lösung nicht nur ein politisches Manöver bleibt, um das Prestigeobjekt später im Stillen abzuwickeln? Viel ist den zuständigen Geschäftsführern nicht zu entlocken. Zunächst einmal soll Bol jene Bücher für die Mitglieder liefern, die der Club nicht selber auflegt. Er wird der "Medienbesorgungsdienst", der nützliche Gehilfe, und soll gleichzeitig sein eigenes Geschäft weiter betreiben. "Geben sie den Leuten noch ein paar Wochen Zeit", wirbt ein Bertelsmann-Sprecher um Verständnis. Anders ausgedrückt: Trotz langer Diskussionen ist die Zukunft für Bol, das einst globale Medienkaufhaus im Internet, ungewisser denn je.