Mit 17 Jahren hauste ich allein in der Kajüte eines Boots auf der Seine und schrieb einen autobiografischen Roman. Schrieb wie ein Besessener. Seite für Seite zog ich Bilanz über mein Leben, das mir zu dieser Zeit vorkam wie ein gestauter Fluss, der überzulaufen drohte. Ich war gerade aus einem Heim für Schwererziehbare getürmt und mit meiner Mutter nach Paris geflohen. Wir waren auf der Flucht vor Polizei und Jugendamt, die mich wieder unter ihre Aufsicht stellen wollten. Der stillgelegte Kahn am Quai d'Orsay gehörte einem Maler-Freund meiner Mutter. Mutter war eine Art Hippie, seit meiner Geburt führte sie ein Vagabundenleben ohne festen Wohnsitz und geregelte Arbeit. Sie schöpfte Kraft daraus, von einem Tag auf den anderen zu leben, ich litt zunehmend darunter.

Vor meiner Geburt arbeitete meine Mutter als Fremdsprachenkorrespondentin. Für sie und ihren Chef, erzählte sie, war ich ein Wunschkind. Er war Ingenieur und leitete eine Berliner Mineralölgesellschaft. Er erkannte mich offiziell als seinen Sohn an, ließ uns aber sitzen, weil Mutter mich katholisch taufen ließ, während ihm die religionsfreie, staatliche Erziehung zum Muster-Nazi vorschwebte. Mutter war ein gefallenes Mädchen, 1942 galt ihre Situation als Schande. Sie riss alle Brücken ein, bekämpfte fortan das Spießertum, womit sie jede Form geregelten Lebens meinte, und folgte nur noch ihrer Berufung: Sie sah sich als Künstlerin.

An meine Kindheit erinnere ich mich nur bruchstückhaft - an bigotte Nonnen, an Heimerzieher, die Prügelpädagogik betrieben, und die Jungs im Heim, bei denen das Recht des Stärksten und Gemeinsten zählte. Im Heim wurde ich glücklicher Außenseiter einer traurigen Gemeinschaft, weil ich als Einziger Besuch bekam - von meiner Mutter. Oft versuchte ich auszubüxen. Manchmal misslang es, manchmal gelang es. Dann zog ich an Mutters Seite durch die Lande. Ich fühlte mich von ihr geliebt, blieb aber dennoch einsam.

Zur Schule ging ich nur zeitweise oder wenn ich im Heim lebte, schaffte aber mit zehn sogar die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium. Wirklich gelernt habe ich durchs Leben. Doch das kostete Kraft, und die gewann ich mit 17 über die Schreiberei auf der Seine zurück. Als das Romanmanuskript fast fertig war, sank der Kahn und mit ihm die beschriebenen Seiten. Ich blieb unverletzt und begriff: Weiterleben war wichtiger, als in der Vergangenheit zu versinken. Alles ist, wie es sein soll. Das sehe ich bis heute so und mache keine Pläne. Ich will wach bleiben, will den Wert von Situationen erkennen, sie nutzen, wenn sie mir zufallen. Ich verdanke meiner Mutter, dass ich loslassen kann und keinen Ort für Heimat brauche. Was mich früher anstrengte, bedeutet mir heute Freiheit.

Nach dem Untergang des Boots wurde ich Pflastermaler, verdiente verhältnismäßig gut und las viel. Kafka, Kleist, Jerry Cotton, Jack London und Euripides wurden meine Gesprächspartner. Meine Bewerbung am Max-Reinhardt-Seminar in Berlin war ein Schritt in die Gesellschaft und in die Unabhängigkeit von meiner Mutter. Sie half mir bei der Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung, doch wir waren schlecht informiert. Statt die Szenen aus Hamlet und Der Katze auf dem heißen Blechdach zu Monologen zusammen zu streichen, spielte ich meinen Part und wartete darauf, dass einer der Prüfer den Gegentext liest. Doch das passierte nicht. Der Zettel mit der Absage blieb jahrelang bei mir an der Wand hängen: Eine Trotzreaktion gegen die, die mir sagen wollten, was geht und was nicht.

Aus der Zeitung erfuhr ich von der privaten Schauspielschule einer ehemaligen Lehrerin am Reinhardt-Seminar, Marlise Ludwig, die auch Klaus Kinski und Horst Buchholz unterrichtet hatte. Sie riet mir: "Haare aus der Stirn, Stimme höher, Nase operieren, das Fach jugendlicher Held ist gerade gefragt." Ich wollte mich aber dem "gerade Gefragten" nicht anpassen und entschied mich gegen die Wiederholung der Prüfung am Seminar und für den Unterricht bei ihr. Eine meiner Stärken war, dass ich im Umgang mit den Klassikern völlig frei war - nicht verbildet durch die Schule.

Den Durchbruch schaffte ich mit 24, als ich für den erkrankten Hauptdarsteller in Richard III. einspringen durfte, den Joachim Fontheim an den Vereinigten Bühnen Krefeld-Mönchengladbach inszenierte, wo ich unter Vertrag war. Mutter nannte mich einen Kunst-Spießer. Feste Engagements anzunehmen - das war für sie Beamtenmentalität. Erst viel später erkannte ich, dass sie damals eifersüchtig war. Schauspielerin werden - das war ihr großer Traum, und ich hatte ihn mir erfüllt.