Alle paar Wochen bekommt die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, ganz besondere Post. Ein Regierungsbote bringt einen braunen Briefumschlag aus dem Kanzleramt. Inhalt: eine CD-ROM. Absender: der amerikanische Geheimdienst CIA. Die Verschlusssachenstelle quittiert den Empfang. In einem speziell gesicherten Raum im zehnten Stock der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Normannenstraße werden die Scheiben ausgepackt und in eine separate Computeranlage eingelesen. Wieder ist ein Stück der Personenkartei der Stasi-Auslandsabteilung - bekannt unter dem Namen "Rosenholz" - zurück an seinem Heimatort.

Bisher hat sich die westdeutsche Gesellschaft darum gedrückt, ihre eigenen Stasi-Verstrickungen zu debattieren. Eifrig hat sie sich dafür interessiert, welche DDR-Bürger mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) kooperiert haben - und sich selbst ausgeblendet. Umso größer ist die Aufregung, die rigorose Stasi-Jäger wie Hubertus Knabe mit - in Teilen zweifelhaften - Veröffentlichungen über die Stasi und die Westmedien auslösen kann.

Mehrere Bücher hat die Birthler- beziehungsweise Gauck-Behörde in den vergangenen Jahren über die Arbeit des MfS in der Bundesrepublik veröffentlicht: akribische Ausarbeitungen, Hunderte Seiten dick, ganze Agentenkarrieren und Lebenstragödien sind da in Fußnoten gepresst. Aufsehen erregten die Bände allenfalls beim Fachpublikum. Jeder, der es wissen will, kann hier nachlesen, wie viele Bundesbürger Ende der achtziger Jahre als aktive Inoffizielle Mitarbeiter beim DDR-Auslandsgeheimdienst, der Hauptverwaltung A (HV A) des MfS, registriert waren: exakt 1553, die meisten sind längst namentlich bekannt. Insgesamt, über 40 Jahre gezählt, dürften bis zu 10 000 Westdeutsche für die Stasi gearbeitet haben, und es war alles dabei: DDR-schwärmerische Linke und Konservative in Geldnot, ehrgeizige Journalisten und naive Wissenschaftler, Studenten und Generale, Manager und Sekretärinnen. Jetzt, wo die HV-A-Daten nach Berlin zurückkehren, lässt sich die unangenehme Debatte nicht mehr vermeiden. Die CD-ROMs werden Material liefern für unzählige Magazinstories. Vor allem die Medien und die Parteien - und hier wohl am meisten die SPD - müssen sich nun endlich mit ihren Stasi-Verstrickungen auseinander setzen. Kein Wunder, dass so viele Westdeutsche wie gebannt auf "Rosenholz" starren. Doch viele Fälle werden sich nicht endgültig klären lassen.

"Operation Rosenholz" oder, noch schöner, "Operation Rosewood" - das klingt nach James Bond, nach Schlapphüten und hochgeschlagenen Mantelkragen. Mit der Kartei selbst hat diese Geheimdienstprosa nichts zu tun. Den Decknamen "Rosenholz" dachte sich der Bundesverfassungsschutz 1991 aus und bezeichnete damit seine Bemühungen, Zugang zu den beim CIA lagernden Stasi-Akten zu erlangen.

"F-16-Klarnamenkartei der HV A" - das klingt nach Erich Mielke, nach Plattenbauten und abgeschabten Aktenschränken. Aber so müsste man den größten Teil der Daten korrekt nennen. Die F-16 ist keine Agentenkartei, sondern eine Sammlung von Personen, die aus verschiedenen Gründen für die HV A interessant waren: als Quelle oder als Kontaktperson, die man abzuschöpfen versuchte, als Verwandter oder Bekannter oder Kollege der Zielperson, als Kurier oder Deckadressengeber. Fast 320 000 Karten umfasst diese F16-Kartei. In ihr wurden die Namen der Zielpersonen erfasst und die Registriernummern. Mehr nicht.

Ebenfalls zu "Rosenholz" gehört die F-22-Vorgangskartei. Sie umfasst mehr als 70 000 Kärtchen. Die F-22 enthält die Registriernummern, die zuständige Abteilung und - leider nur gelegentlich - Angaben dazu, warum eine Person erfasst wurde. Die detailliertesten Informationen liefern die so genannten Statistikbögen. Sie wurden nur für ausgesuchte Personen angelegt, für solche, von denen man glaubte, im "Spannungsfall" besonders relevante Informationen zu erhalten. Auf den Statistikbögen sind zum Beispiel das Geburtsjahr vermerkt, die Arbeitsstelle, Fremdsprachenkenntnisse, die Einschätzung der Zuverlässigkeit. Nur mit ihnen lässt sich in der F-16-Kartei die Spreu sicher vom Weizen trennen - aber von den Statistikbögen gibt es nur 2500.

Von all diesen Unterlagen fertigte die Stasi irgendwann im Herbst 1988 routinemäßig eine Sicherheitskopie auf Mikrofilm an. Die etwa 50 Filmrollen, jede kaum größer als eine Nivea-Dose, wurden in die Sowjetunion geschafft. Während der Wendewirren erbeutete die CIA diese Filme oder eine Kopie davon. Ein KGB-Offizier soll den brisanten Koffer für eine Million US-Dollar verkauft haben. Seitdem versuchten die Deutschen, die Daten wiederzubekommen. Ernst Uhrlau, von Gerhard Schröder 1998 zum Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt berufen, gelang es schließlich, die Amerikaner zu überreden.