Nach Jahren eines nur schwer erschütterbaren Schlafs der Vernunft hat die Philosophie neuerdings wieder mit dem gesellschaftlichen Leben zu tun. Von den Kontroversen um das Genomprojekt ging der erste Weckruf aus. Und jetzt sorgt eine wieder auflebende Euthanasie-Debatte vollends für Erweckung.

Freilich ist die Freude über die unverhoffte Reanimation der Philosophie nicht ganz ungetrübt. Weder die Klonierung von Schafen noch die Forschung an embryonalen Zellhaufen stößt bei philosophischen Bedenkenträgern auf Gegenliebe, ganz zu schweigen vom technomedizinischen Beitrag zur Restlebens- oder auch Sterbensgestaltung. Da muss schon die Auffangstation eines "Nationalen Ethikrates" her, um die Skeptiker mit dem technokommerziellen und wissenschaftlichen Komplex zu versöhnen.

Doch auch die Philosophie kann sich nicht ohne weiteres von den Schatten ihrer Vergangenheit erlösen. Die erregte Diskussion über Peter Sloterdijks Regeln für den Menschenpark hat gezeigt, dass man sich hier nicht, als wäre man noch im Stande der geschichtlichen Unschuld, auf das philosophische Trio Infernale des Führer-Prinzips, Platon, Nietzsche und Heidegger, beziehen kann. Vor allem Heidegger ist das Schulbeispiel für die Risiken, die heute einem Denken drohen, das sich scheinbar an der Freiheit des Selbstentwurfs orientiert.

Bekanntlich nährt sich Heideggers frühe Philosophie aus dem Pathos der "Eigentlichkeit". Auch später verwahrt er sich gegen jede "feststehende Auslegung" des Menschenwesens, womit Heidegger, ohne dass diese Zugehörigkeit gewusst oder gar gewollt wäre, in jene Tradition gehört, die von der Renaissance-Philosophie über Nietzsches "nicht festgestelltes Tier" bis zu Sartres Überzeugung reicht, es gebe einen Vorrang der Existenz vor der Essenz. Es ist die Tradition einer Anthropologie, die das Wesen des Menschen in seiner Wesenlosigkeit sieht, in der Schrankenlosigkeit seines Selbstentwurfs.

Heideggers Identifikation mit dem Nationalsozialismus zeigt aber nur zu bald, wie er die Probe auf das Pathos der "Eigentlichkeit" zu machen gedenkt.

Heideggers Vorstellung von der "Selbstbehauptung der deutschen Universität" entpuppt sich als ihre Selbstabdankung

die völlige Umwälzung unseres deutschen Daseins als Selbstgleichschaltung. Je offener der Entwurf, desto affirmativer die Füllung.

Der von Martin Heideggers Sohn Hermann Heidegger herausgegebene Band 16 der ersten Abteilung der Gesamtausgabe, Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges 1910-1976 (Verlag Vittorio Klostermann), dokumentiert diese Dialektik mit heroischer Treue. Das veröffentlichte Material lässt indes nicht nur, wie bekannt, keinerlei Zweifel daran, dass Heidegger politisch und hochschulpolitisch "einer der stärksten nationalsozialistischen Vorkämpfer unter den deutschen Gelehrten" war - so die Tübinger Chronik anlässlich Heideggers Rede vom 30. November 1933 über Die Universität im nationalsozialistischen Staat. Im Gegensatz zu der üblichen Schadensbegrenzung zeigt der Band auch, dass Heidegger zeitweise mit der eugenischen Ideologie des Nationalsozialismus sympathisierte. Noch im April 1934 schreibt er in seiner Eigenschaft als Rektor der Universität Freiburg an den "Herrn Minister des Kultus, des Unterrichts und der Justiz" in Karlsruhe, dass er "seit Monaten" versuche, für den "Unterricht in Rassenhygiene" "eine geeignete Kraft" ausfindig zu machen, "um dann beim Ministerium die Errichtung eines a. o. Lehrstuhles für Rassenkunde und Erbbiologie zu beantragen".

Fünf Monate zuvor, in der feierlichen Immatrikulationsrede vom 25. November 1933, hatte Heidegger das eigentümliche Sein des deutschen Studenten in sein "Anrücken", sein "Drängen" gesetzt: Die Zukunft des deutschen Studenten wie die des deutschen Volkes insgesamt "ist gerade als Kommen". Doch dieses Sein, das in der Weise des "Kommens", "Anrückens" und "Drängens" ist, "taucht nicht", wie es die dunkel dräuenden Worte vermuten lassen könnten, "irgendwoher, willkürlich, plötzlich auf". Es steht vielmehr - nun werden die großen Worte dank Heideggers gern gepflegter "Rücksichtslosigkeit" konkret - "unter der Befehlskraft der neuen deutschen Wirklichkeit".

Krankheit ohne Arzt

In Heideggers Denken ist der Staat nichts anderes als das "Wissen" von dieser "Befehlskraft". Und das Volk in seiner "Staatwerdung" findet den ihm zugehörigen "Raum" in einer Natur, die - ausgerechnet! - "frei" wird "als Macht und Gesetz" der "Vererbung wesentlicher Anlagen und Triebrichtungen".

Das ist Heideggers Stichwort. Denn nun wird Natur "als solche" zur "maßsetzenden Regel als Gesundheit". Dass heißt, je "befreiter" in diesem Sinn "die Natur waltet", umso "großartiger und gebändigter ist die gestaltende Macht der echten Technik ihr dienstbar zu machen". Mit einem Wort: Vom pompösen Sein über das Volk und den Staat zur gesunden Natur der Vererbung. So weit die eugenische Festlegung des nicht festgestellten Menschenwesens.

Die Frage nach der Gesundheit, gegebenenfalls ihrer Wiederherstellung in Volk, Staat und Natur hat Heidegger aber schon vorher umgetrieben. Hier gibt er ein womöglich noch staunenerregenderes Beispiel, wie er das viel gerühmte Prunkstück seiner frühen Philosophie - die des Todes als "eigenstes Seinkönnen des Daseins" - euthanatologisch füllen möchte. Anfang August 1933, bei der Feier des 50-jährigen Bestehens des Instituts für pathologische Anatomie an der Universität Freiburg, hält er als Rektor eine Tischrede, die weit über den Rahmen der von den anderen Festrednern gebotenen nationalsozialistischen Pathologie hinausgeht. Heidegger tut alles, um seinen Ruf als "Vorkämpfer" noch zu steigern. Er versucht, den "Grundbegriffen und Grundsätzen" der Medizin als "speculativer Wissenschaft philosophisch auf den Grund zu gehen. Auffällig ist, dass er den Begriff "Krankheit" immer mit, den Begriff der Gesundheit aber ohne Anführungszeichen benutzt.

Mit dem obligaten philosophischen Staunen stellt Heidegger zunächst fest, dass das "Wesen der Gesundheit keinesfalls zu jeder Zeit und bei jedem Volk in demselben Sinne bestimmt wurde". Es ist historisch und völkisch bestimmt.

So differieren für ihn der griechische, der christliche und der neuzeitliche bürgerliche Gesundheitsbegriff. Aber Heidegger hat es keineswegs auf eine bloße historisch-völkische Typologie abgesehen. Das wird gleich eingangs deutlich, wenn er sich den Griechen zuwendet, die wie stets bei ihm das maßgebliche Volk sind. Für die Griechen bedeutete Gesundheit: "bereit und stark sein zum Handeln im Staat. Wer den Bedingungen dieses Handelns nicht mehr genügte, zu dem durfte der Arzt auch im Falle der ,Krankheit' nicht mehr kommen."

Diese ominöse Wendung aber hat es in sich. Denn wenn der Arzt zu demjenigen nicht mehr kommen durfte, der nicht mehr bereit und stark war zum Handeln im Staat, so musste er ihn "auch im Falle der ,Krankheit'" unbehandelt sein und gegebenenfalls sterben lassen. Nichts Geringeres als ein Heilungsverbot für das staatsunwerte Leben.

Wie prekär Heideggers Sätze sind, zeigt sich, wenn man hinzunimmt, an wem er sich, ohne seinen Gewährsmann zu nennen, orientiert. Es ist eine so berühmte wie berüchtigte Passage im dritten Buch von Platons Politeia. Dort heißt es: "Den, der nicht in seinem angewiesenen Kreise zu leben vermag, den glaubte er (Asklepios) auch nicht pflegen zu müssen, weil er weder sich selbst noch dem Staate nützt." Und gleich noch einmal, noch unverhohlener: "... dem ... helfe es weder selbst noch anderen, daß er lebe ..." (Übers. Fr. Schleiermacher, ed.

Stephanus 407a, 408 b). Die euthanatologische Absicht in beiden Versionen ist deutlich, nur dass Heidegger - und das ist gravierend - aus dem Nichtmüssen bei Platon verschärfend ein Nichtdürfen macht. Die Falschübersetzung Platons am Schluss der Rektoratsrede findet hier ihre Entsprechung.

Der gesunde Philosoph

Angesichts der Bedeutung dieses Heilungsverbots für das staatsunwerte Leben muss man es noch einmal wiederholen: Es handelt sich hier nicht um eine bloße historische und völkische Charakteristik der griechischen Krankheits- und Gesundheitsbegriffe, sondern vielmehr um Identifikation und Überbietung.

Heidegger lässt daran keinerlei Zweifel. Man darf es, ohne unfair zu werden, ja, man muss es zitieren: "Was gesund und krank ist, dafür gibt sich ein Volk und ein Zeitalter je nach der inneren Größe und Weite seines Daseins selbst das Gesetz ... Jedes Volk hat die erste Gewähr seiner Echtheit und Größe in seinem Blut, seinem Boden und seinem leiblichen Wachstum. Wenn es dieses Gutes verlustig geht oder auch nur weitgehend geschwächt wird, bleibt jede staatspolitische Anstrengung, alles wirtschaftliche und technische Können, alles geistige Wirken auf die Dauer nutz- und ziellos." Und zuvor: "Das deutsche Volk ist jetzt dabei, sein eigenes Wesen wieder zu finden und sich würdig zu machen seines großen Schicksals. Adolf Hitler, unser großer Führer und Kanzler, hat durch die nationalsozialistische Revolution einen neuen Staat geschaffen, durch den das Volk sich wieder eine Dauer und Stetigkeit seiner Geschichte sichern soll." Das wird nicht dadurch gemildert, dass Heidegger im weiteren "eine neue und echte Gemeinschaft der Völker und Nationen" im Zuge der noch echteren "Auseinandersetzung" mit ihnen propagiert.

Auf engstem Raum verbindet sich hier, wohlgemerkt nicht in der Risikogesellschaft eines philosophischen Seminars, sondern in einer öffentlichen Rede vor Medizinern, die Selbstgesetzgebung in den existenziellen Fragen von Gesundheit und Krankheit mit einer "Auslegung" des Menschenwesens, die "feststehender" kaum gedacht werden könnte: der Regression auf "Blut", auf "Boden" und der Subordination unter das Führerprinzip. Auf dem Hintergrund gegenwärtiger Debatten bietet die Philosophie eines ihrer fatalsten Beispiele dafür, wie die höchst legitime Idee der Selbstbestimmung und des Selbstentwurfs gerade in Geburts-, Lebens- und Sterbensfragen von massivster Fremdbestimmung unterlaufen werden kann.