Dass ein Mensch ein Mörder ist, sieht man ihm nicht an. Auch nicht, dass er kein Mörder ist. Mörder und Nichtmörder sehen gleich aus. Auch ihr sieht man nichts an. Sie lächelt aus dem Bilderrahmen, der auf dem Schreibtisch ihrer Münchner Wohnung steht. Ein strahlendes Mannequinlächeln, als sei nichts Böses geschehen, als habe es nie einen Sensationsprozess gegeben, nie Gefängnis, nie Schmerz, Verzweiflung, Verrat. Nie einen Mord.

Vera Brühne, die blendende Frau auf dem Foto, ist tot. Sie galt als eine der kaltblütigsten Mörderinnen der Nachkriegszeit und starb vor wenigen Wochen im Alter von 91 Jahren. Ihr Adoptivsohn, er soll hier Herr A. heißen, lebt heute in der verwaisten Wohnung, in der das Sauerstoffgerät, an dem sie hing, noch auf dem Gang steht. Herr A. pflegt ihre Möbel, gießt ihre Orchideen, hält ihre Garderobe instand. Die Räume sind fast unverändert, wie 1961, als Vera Brühne von der Polizei abgeholt wurde: licht und gemütlich, mit antiken Möbeln der Vorfahren voll gestellt. An den Wänden allerdings heute Landschaften in Öl - selbst gemalt über viele Jahre in der Zelle der Frauenhaftanstalt Aichach. Herr A. hebt ein elegantes Kleid aus dem Schrank, Vera Brühne hat es selbst gestrickt, dann ihren Gefängniskittel, dessen Flecken sich der Reinigung widersetzten. Das sind Reliquien. Ein Vera-Brühne-Museum. Hier das Seidentuch, mit dem sie nach der Urteilsverkündung den Kopf bedeckte. Die Zeitungen haben gehöhnt, sie käme mit Seidentüchern zum Prozess, dabei hat sie es von ihrer Mutter geschenkt bekommen. Er küsst das rot gemusterte Tuch. Armes Weib.

Als ihr der Prozess gemacht wurde, war Vera Brühne 52 Jahre alt und immer noch eine Erscheinung. 178 Zentimeter hoch, nur 58 Kilo schwer, beschenkt mit funkelnden Augen und einer königlichen Haltung. Ausgestattet mit Witz und Charme und der Macht, Menschen zu bezaubern, in den Bann zu ziehen, zu Knechten zu machen. Begeht ein solches Geschöpf Morde? Das Landgericht München II befand nach 22 Verhandlungstagen, der Anhörung von 117 Zeugen und über einem Dutzend Sachverständiger am 4. Juni 1962: Ja! Und verurteilte Vera Brühne und ihren Bekannten, den Montageschlosser Johann Ferbach, zu lebenslanger Freiheitsstrafe wegen gemeinschaftlich begangenen Doppelmordes.

Man war sicher, dass Brühne und Ferbach (als ihr Handlanger) den wohlhabenden Arzt Otto Praun und dessen Lebensgefährtin Elfriede Kloo am Abend des 14.

April 1960 umgebracht hätten. Das Motiv: Vera Brühne, angeblich nicht nur Prauns Chauffeuse, sondern auch seine Geliebte, soll um ihr Erbe, eine Finca in Spanien, gefürchtet haben, da die Beziehung zu Praun zu Ende ging. Johann Ferbach, der Brühne sexuell hörig, habe sich Zutritt zur Villa des Arztes am Starnberger See verschafft, erst Frau Kloo mit Genickschuss und dann den später eintreffenden Arzt mit zwei Kopfschüssen ermordet, derweil die Auftraggeberin im VW mit dem Kennzeichen M-PA 237 wartete. So steht es im Urteil. Was daran wahr ist, was daran zusammengereimt - wer weiß das? Zu viele Fragen blieben offen. Geständnisse gab es nicht. Irrte das Gericht?

Alle Ingredienzen eines unsterblichen Kriminalfalls, eines Mythos der Justizgeschichte sind vorhanden: im Mittelpunkt eine grandiose, absolut undurchschaubare Frau, verwoben in unzählige, undurchschaubare Beziehungen.

War sie Prauns Konkubine? Schlief sie mit Ferbach? Beides hat sie vehement bestritten. Dazu ein Verbrechen, wie es tückischer kaum zu denken ist. Alles überwölbt von Sünde, Lüge und dem Unvermögen der Behörden Licht in die Sache zu bringen. In den vergangenen 40 Jahren sind immer neue Varianten des Tatgeschehens publik geworden. Neue Zeugen kamen aus dem Nichts. Otto Praun soll in sinistre Waffengeschäfte verstrickt gewesen sein, heißt es.

Geheimagenten sollen die Tat begangen haben. Viele Geschichten, null Beweise.

Der Fall Brühne verharrt bis heute im Halbdunkel, im Diffusen.

Doch wies man weder Vera Brühne noch Johann Ferbach jemals nach, dass sie Prauns Villa auch nur betraten, ja nicht einmal die Todeszeit der Opfer ist zweifelsfrei geklärt. Denn die fünf Tage später herbeigeholte Polizei erkannte am Leichenfundort nicht, dass es sich hier um Mord handelte. Man vermutete, Praun habe in einer Anwandlung von Schwermut seine Lebensgefährtin und dann sich selbst entleibt. Man senkte beide Toten ohne Ermittlung, ohne Obduktion ins Grab. Erst nach der Testamentseröffnung, als Vera Brühne als Erbin der Finca ins Bild rückte, glomm im Sohn des Otto Praun ein böser Verdacht. Ein Vierteljahr nach der Bestattung wurden die Leichen ausgegraben und nun obduziert. Ergebnis: Doppelmord.

Nun gingen die Ermittler, die die ganze Sache erst sträflich hatten schleifen lassen, umso aggressiver vor. Bald zogen dunkle Wolken auf über der schönen Vera. Sie konnte zur - angenommenen! - Tatzeit kein Alibi vorweisen und verstrickte sich in ihrem Bemühen, dem immer enger werdenden Netz zu entschlüpfen, nun ihrerseits in ein Gespinst aus Widersprüchen, Lügen und Halbwahrheiten. Sie bestach Zeugen, sie fälschte Tagebücher, sie sagte heute dies, beschwor morgen das. Und hielt dann wieder bis zum Stumpfsinn an längst widerlegten Aussagen fest. Der Strick, an dem sie gehenkt wurde, wurde auch von Vera Brühne gedreht. Aber ich bin doch, bitte, unschuldig!, flüsterte sie nach der Urteilsverkündung, sank auf die Anklagebank und vergrub das Gesicht in den Händen. Frau Brühne, sagte die Gefangenenbetreuerin Birgitta Wolf Jahre später zu ihr, womöglich sind Sie an den Morden unschuldig, nicht aber am Urteil.

Vera Brühne - die ganze Frau ein Fragezeichen. Ihr Mysterium und ihr Stolz vor Gericht brachten die Presse und das Publikum zum Kochen. Unzählige Herren traten in den Zeugenstand, gaben oder deuteten an, mit ihr intim gewesen zu sein. Auch meinten sie, von ihr angemacht und ausgenommen worden zu sein.

Alles Lüge!, widersprach Vera Brühne bis zu ihrem Tod. Sie haben Bäuerlein aufmarschieren lassen, die sich ihr Zeugengeld abholten. Die meisten kannte ich gar nicht. Wer lügt? Alle? Oder Vera?

Täglich zerrte man neue Pikanterien aus dem Intimleben der so genannten Lebedame hervor. Der Brühne-Tochter Sylvia rissen Reporter sämtliche Fotos und Briefe der Angeklagten aus den Händen. Die von der Persönlichkeit ihrer Mutter Erdrückte witterte jetzt die Chance, endlich ins Licht zu treten, und trug zwei Journalisten haarklein ein angebliches Mordgeständnis ihrer Mutter vor. Später widerrief sie alles - da glaubte ihr keiner mehr. Wer log? Das Kind? Die Mutter? Sylvia wurde nicht alt. Sie starb nach einem kurzen, aus den Fugen geratenen Leben an Zungenkrebs. Wo die Lüge herkommt, konstatiert Herr A.

Tausende drängten zum Brühne-Prozess. Der Verkehr stockte

Die angeblichen erotischen Ausschweifungen der Vera Brühne ließen in der verklemmten Adenauer-Zeit Millionen neidischer Leser erschauern. Zu Prozessbeginn drängten die Massen mit solcher Gier nach dem Münchner Justizpalast hin, dass der Verkehr in der Innenstadt zusammenbrach. Als Vera Brühne 1979 begnadigt wurde, musste ihr Anwalt, bei dem sie unterschlüpfte, ein Stahltor einbauen lassen, um Pressefotografen abzuwehren. Und als sie schließlich in ihre Münchner Wohnung zurückkehrte, konnte sie nicht einmal eine Putzfrau engagieren, denn für jedes Detail aus ihrem Leben wurde draußen bezahlt. Herr A., der seine Adoptivmutter kürzlich im weißen Seidenkleid von Valentino, in ihren besten Schuhen und mit einem Cachenez angetan einäschern ließ, hat es aus Angst vor Zudringlichkeiten bis heute nicht gewagt, die Urne zu bestatten. Er wird es irgendwann heimlich und tief in der Nacht tun müssen. Denn: Ich möchte diesen Weg mit ihr alleine gehen.

Vera Brühne wird nicht vergessen werden. Nach ihrem Tode weniger denn je.

Denn ihr Drama kommt jetzt ins Fernsehen. Der Regisseur Hark Bohm hat sich des Kriminalfalls angenommen und bedrückend in Szene gesetzt, wie die Justiz Menschen zerkleinert, die in ihre Mühlen geraten sind. Sat.1 strahlt das Mammutwerk an zwei Abenden (24./25. Mai) zur Primetime aus, Corinna Harfouch spielt die Vera Brühne, Uwe Ochsenknecht den Johann Ferbach. Der Film zeigt, welch erbarmungsloses Kesseltreiben seinerzeit gegen eine Frau angezettelt wurde, die sich den dumpfen Moralvorstellungen ihrer Zeit nicht unterwarf, ohne sich letztlich auf Schuld oder Unschuld der Protagonistin festzulegen.

Alle Varianten des Doppelmordes werden durchgespielt, und der Zuschauer gelangt zu jenem Schluss, der heute juristischer Konsens ist: Vera Brühne - ob Mörderin oder nicht - hätte auf der Basis solch einseitiger und unsauberer Ermittlungen niemals verurteilt werden dürfen.

Das Ehepaar Frank, heute in den Siebzigern, glaubt immer noch, dass ihre frühere Nachbarin Vera Brühne des Mordes schuldig ist. Sie erzählen eine merkwürdige Geschichte: Vera Brühne habe ihnen zu Ostern 1960 völlig überraschend einen Brief geschrieben, in dem detailliert geschildert war, was sie am Gründonnerstag, dem 14. April, alles erlebt habe: wo sie gegessen, wo sie getankt, wen sie getroffen habe. Erst viel später, nachdem Prauns Suizid als Doppelmord und der Gründonnerstag als Tattag erkannt worden waren, hätten sie begriffen, dass Vera Brühne ihnen einen Super-Alibi-Brief geschrieben habe, sagen die Franks. Und zwar zu einer Zeit, als außer dem Mörder niemand wusste, dass man ein Alibi brauchen würde.

Charlotte Frank schildert auch, wie sie selbst Vera Brühne die Todesnachricht überbrachte. Als Otto Praun aufgefunden war, habe sie bei ihr angerufen: Setz dich hin! Dr. Praun hat die Frau Kloo erschossen und dann sich selbst!

Vera Brüne habe geantwortet: Oh, Gott, jetzt ist er auch noch ein Mörder!

Im Übrigen erinnern sich Franks an eine tolle, fantastische Frau. Die Türen der Wohnungen standen meist offen, und bei guter Laune rollte der Hula-Hoop-Reifen hin und her. Vera Brühne habe nur Knäckebrot gegessen, der Figur wegen. Habe tags spartanisch gelebt und sei nachts ausgegangen. Sie war das, was man heute Hostess nennen würde, sagt Frank. Sie begleitete als begehrtes Sexualobjekt ältere Herren, prestigesüchtige Akademiker und Industrielle, die sich mit ihr schmückten. Zum Dank gingen sie dann mit ihr einkaufen. Doch habe keiner je bei ihr übernachtet, bezeugen die Franks. Auch Praun nicht. Sie sagte uns, sie sei an so was nicht interessiert - und schon gar nicht an Praun.

Und dann war da noch Irritierendes. Eines Tages sei Vera Brühne mit einer Nerzstola vor der Tür gestanden, und habe Frau Frank gebeten, diese für sie zu verkaufen. Otto hat sie der Klofrau (gemeint war Elfriede Kloo) geklaut und mir geschenkt, behauptete Vera. Ich bin das Ding nicht losgeworden, erzählt Charlotte Frank. Später stellte sich im Zuge der Mordermittlungen heraus: Vera Brühne selbst hatte den Nerz einer Freundin gestohlen. Immer wieder sei es vorgekommen, dass Vera von ihr kleine Dienstleistungen verlangt habe, die letztlich nicht zu durchschauen waren, sagt Charlotte Frank. Doch ich hab ihr damals alles geglaubt.. Und das wiederum glaubt man Frau Frank sofort. Sie wirkt immer noch wie ein Mädchen. Lieb und blond, mit einem Halsband aus Perlen und einem Herzen aus Gold. Und ihr Mann Reinhold scheint schon ein Leben lang darauf Acht zu geben, dass ihr nichts passiert. Vera Brühne, sagen die beiden, sei in ihrer Mischung aus herrlich und schrecklich für sie der Inbegriff der Faszination gewesen. Ich dachte immer, dass ich weit unter ihr stehe, sagt Frau Frank, und ich wusste, sie denkt das auch.

Erst viel später beschlich die viel Jüngere das üble Gefühl, von Vera Brühne letztlich benutzt und manipuliert worden zu sein.

Sie trat als vollkommen Unschuldige auf, erinnert sich die Schauspielerin Corinna Harfouch, Darstellerin der Vera Brühne, die die Originalfigur bei den Dreharbeiten mehrfach besucht hat. Dabei habe Brühne sich unbeirrbar als Opfer eines Justizirrtums präsentiert. Dieser Rüth war ein Zwerg, meinte Brühne herablassend über jenen Staatsanwalt, dessen Hartnäckigkeit ihr einst zum Verhängnis geworden war, höchstens 1.43 Meter. Er sah zu mir auf wie zu einer Kathedrale. Vera Brühne, die Kathedrale: im Zentrum. Göttlich. Höher als alle Vernunft. Doch das sezierende Auge des Staatsanwalts hatte keinen Blick für ihre Aura und ihren Ausschnitt, sondern allenfalls für ihre gefälschten Briefe

ihre entzückenden Redensarten drangen nicht an sein Ohr, wohl aber ihre Ausreden. Alle Unzulänglichkeiten, Niederträchtigkeiten, miesen kleinen Späße aus dem Leben der Vera Brühne wurden hervorgekramt.

Alles Charmieren und Lavieren, womit sie 50 Jahre lang Erfolg hatte, versagte angesichts der Justiz.

Vera Brühne flirtete mit jedem - aber sie war nicht zu haben

Die Eltern der Brühne waren Wahrheitsfanatiker. Deshalb Vera. Und doch war die Wahrheit ihr Problem, denn sie ist oft hässlich. Aus der Mittelschicht stammend, der Vater war Bürgermeister in einem Stadtteil von Essen, durften ihre beiden Brüder Jura studieren, Vera schickte man auf die Haushaltsschule.

Betrachtet man das Leben der zweimal geschiedenen Vera Brühne nüchtern, war sie stets eine Frau im Schatten: immer Gattin, Chauffeuse, Begleiterin oder Pflegerin von Menschen, die genialer, reicher oder sozial höher gestellt waren als sie selbst und von denen sie lebte. Gern hätte sie im Mittelpunkt gestanden. Ein einziges Mal war das der Fall: im Mordprozess.

Da das Sollen und das Sein in Brühnes Leben nicht deckungsgleich waren, wurde sie zu einer Frau, die andere Frauen spielte: aufregendere Frauen, anständigere Frauen. Bis jeder in ihr die Erfüllung seiner Wünsche sah. Sie unterliegt nicht nur den eigenen Illusionen, sie erweckt auch bei anderen starke Illusionen, die auf Dauer nicht befriedigt werden können und zu Enttäuschungen führen, diagnostizierte seinerzeit der Gerichtspsychiater.

Vera Brühne war ein Versprechen, das nicht zu halten war. Sie flirtete mit jedem, und niemand war gemeint. Rückten deshalb so viele von ihr ab?

Zeichneten deshalb so viele vor Gericht ein böses Bild von ihr? Sie selbst hat sich dieses Phänomen immer nur mit Neid erklärt - auch das wohl eine ihrer Illusionen.

Und doch ist es rührend, ja bewundernswert, mit welcher Kraft sie ihr kolossales Selbstbild rettete - gegen die ganze Welt. Mit welcher Stärke sie die Brechung durch Fremdbilder aushielt und überstand. Hoch erhobenen Hauptes ging sie ins Gefängnis, hoch erhobenen Hauptes trat sie 18 Jahre später wieder hinaus. Wenn ich sie besuchte, bekam ich eine Audienz, der karge Raum wurde ihr Salon, und den Kittel trug sie wie ein Kleid von Dior, erzählt Birgitta Wolf, die Gefangenenbetreuerin. Viele Jahre hat sie mit Vera Brühne korrespondiert, sie besucht, ihr Mut gemacht. Im Übrigen saß die Inhaftierte kerzengerade auf einem Hocker und strickte oder malte. Sie weigerte sich, in einer Mehrpersonenzelle zu leben oder mit den anderen zu arbeiten. Sie war immer allein. Selbst dem Hofgang widerstand sie. Herr Direktor, Sie können nicht von mir verlangen, dass ich vor oder hinter Verbrechern herlaufe. Und Frau Wolf erinnert sich: Sie verzichtete sogar auf das einzige Vergnügen, die Mahlzeiten. Sie aß Jogurt und wog sich jeden Tag. Sie ignorierte die Mauern, benahm sich, als wäre sie frei. Das Haltungbewahren ließ Vera Brühne überleben, als ihr nichts mehr geblieben war als das Recht, aufrecht zu sitzen.

In einem Interview, das Vera Brühne der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Jahr gab, tritt sie wieder in ihrem alten Glanz hervor. Eine verkannte Dame, über der die Welt Schmutz und Lüge ausgekippt hat. Alles, was die eigene Seligsprechung stören könnte, wird abgestritten. Das Verhältnis zur verstorbenen Tochter Sylvia, das nach dem großen Verrat nur Groll und Zerwürfnis war, kommt als verklärtes Einvernehmen daher. Von ihrem Gerichtsurteil behauptet sie abfällig, diese Beleidigung nie gelesen zu haben.

Blickt man in die Ordner von Birgitta Wolf, die Vera Brühnes Briefe archivierte, findet man eine andere Version. Vera Brühne hatte ihr Urteil nicht nur gelesen, sie kannte es auswendig. Hunderte von Schreiben gingen an Frau Wolf. Die meisten kreisen um Minimalismen am Tag der Tat, um Wiederaufnahmebemühungen, um die Frage, ob man den Verteidigern trauen könne, oder eben um Formulierungen im Urteil, die man juristisch angreifen müsse.

Mit den Jahren werden die Briefe hastiger, panischer, desperater. Streit zwischen den Frauen gibt es, als die Gefangene die Betreuerin bittet, falsche Zeugen aufzutreiben, die ihr gegen Geld im Nachhinein ein Alibi verschaffen könnten. Sie war kein ehrlicher Mensch, urteilt Frau Wolf heute. Wer hatte ihr da geschrieben? Eine Mörderin, die den Gewissensqualen der Vergangenheit entkommen will? Oder eine zu Unrecht verurteilte Lügnerin, der man nicht mehr glaubte, als sie - Ich bin doch, bitte, unschuldig! - einmal die Wahrheit sprach? Birgitta Wolf zuckt die Schultern. Ich weiß es nicht.

In ihrem zweiten Leben ging es nicht um Geld und Äußerlichkeiten

Es gab noch eine weitere Vera Brühne, eine die niemand kannte, eine Frau, die nichts zu tun hatte mit Schickimicki, mit Nachtleben, mit lackierten Fingernägeln und Männerfang. Eine Frau, die das Gegenteil war der öffentlichen Vera. Man findet ihre Spuren in ihrer Münchner Wohnung, in der das Sauerstoffgerät noch auf dem Gang steht. Da gibt es einen alten Tisch mit Ornamenten, in der Mitte eine metallene Vertiefung, die mit Steinen und Blumen angefüllt ist. Dieses kunstvolle Möbel hat Vera Brühne aus einer ererbten Truhe gebaut, die Ornamente selbst geschnitzt. Die beiden Pappeln vor dem Fenster, die Beete, die Farne, die ganze Begrünung der Asphaltwüste im Hinterhof - ein Werk der Vera Brühne, der angeblich oberflächlichen, selbstverliebten Narzisse. Der Rundbogen, der ihre beiden Wohnzimmer miteinander verbindet, entworfen und eigenhändig durchgebrochen von Vera Brühne. Männerarbeit, Bauarbeiterarbeit war das. Man kann sich gut vorstellen, dass die Chauffeuse mit dem Mercedes des Dr. Praun besser umgehen konnte als er selbst. Womöglich hat sie ihn auch noch repariert. Sie schnitt sich ihre Haare, schneiderte sich ihre Kleidung selbst. Sie kochte gern, und ihre Gäste sagen ausgezeichnet. Einer brachte ihr einen Blumenstrauß mit, in den Gräser eingebunden waren. Oh, da ist ja Zittergras dabei, sagte Vera Brühne glücklich, mein Lieblingsgewächs. Spricht so eine Lebedame, für die es nur Rosen und Orchideen regnet? Ist das der labile Nachtvogel aus den Illustrierten? Lebt so jemand, der auf Geld und Show fixiert ist? In selbst genähten Röcken und selbst gezimmerten Möbeln? Die ganze Wohnung atmet Desinteresse an materiellem Wohlstand. Ermordete ihre Besitzerin zwei Menschen, um an eine Erbschaft zu kommen?

Als Vera Brühne 80 Jahre alt war, nahm sie sich ein Kind. Sie adoptierte Herrn A., einen 50jährigen Mann, der das Alter ihrer toten Tochter hat und im selben Haus wohnt. Sie brauchte Unterhaltung, sie brauchte einen Erben. Doch aus der merkantilen Verbindung erwuchs eine große Freundschaft. Wir hatten es verdammt lustig miteinander, sagt Herr A. Sie war mir eine wunderbare Mutter. Das ist mein Sohn, stellte sie mich immer vor. Und die Leute sagten: Das sieht man! Er lacht, und dann muss er aufstehen und ein Taschentuch holen, weil ihm die Tränen kommen. Als sie im Dezember angefangen hat, Blut zu spucken, war er da, und als ihr Leben in die letzte Runde ging, hat er sie gepflegt. Welche 91-jährige Mutter kann das von ihrem Sohn behaupten?