Feiner Inhalt, schöne Hülle: Im ältesten deutschen Nachkriegsauktionshaus geht die Liebe zur Buchkunst zurück bis zur Stunde null im Jahr 1945, als der Antiquar Gerd Rosen am Kurfürstendamm 215 seine Galerie Buch und Kunst mit Sortimentsbuchhandel, Ausstellungen und Auktionen eröffnete.

Dass auch heute die Auktionskataloge der Altmeister, modernen Grafik, Handzeichnungen, Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Autografen, wertvollen Bücher sowie Fotografien bei Bassenge selbst geradezu als Sammlerstücke gelten, "hat sich aus der Tradition her entwickelt", sagt Tilmann Bassenge, der heutige Chef des Hauses, "und ist eine ständige Verpflichtung an unsere eigenen Wertmaßstäbe".

Rosen leitete Mitte der zwanziger Jahre das Antiquariat im Kaufhaus Wertheim am Potsdamer Platz, bis er dort seiner jüdischen Herkunft wegen entlassen wurde und in der Halblegalität die Nazizeit überlebte. Seine Galerie wurde bald nach der Gründung zum Treffpunkt der Avantgarde. Er zeigte Hannah Höch, Jeanne Mammen, Heinz Trökes sowie Bernhard Heiliger und Hans Uhlmann. 1953 stieß Gerda Bassenge als Lehrling dazu und wurde bald Geschäftsführerin. Nach dem frühen Tod von Gerd Rosen im Jahr 1961 übernahm sie das Haus unter ihrem Namen. 1968 kam ihr Sohn Tilman nach Studium und Lehrjahren in London und Prag dazu. Über die Führung des Hauses mit Sitz im Grunewald hinaus vertritt Tilmann Bassenge inzwischen als Präsident des Bundesverbandes Deutscher Kunstversteigerer die Interessen seiner Kollegen in Sachen Urheber- und Folgerecht.

Ließen die eingeengten Nachkriegsverhältnisse und die Isolation Berlins dem in Kunstkreisen hoch geschätzten Rosen wenig Expansionsmöglichkeiten, so führten seine Nachfolgerin Gerda Bassenge und ihr Sohn das Haus unter besseren Bedingungen zu internationaler Reputation. Inzwischen beläuft sich der Jahresumsatz auf 15 bis 20 Millionen Mark, und Bassenge unterhält Repräsentanzen in Augsburg, Düsseldorf, Rom und im schwedischen Växjö. Zu den herausragenden Verkäufen zählt man eine Partitur der Kreuzersonate von Beethoven an das Beethoven-Haus in Bonn und eine Ansicht von Salzburg von Karl Friedrich Schinkel an das Charlottenburger Schloss. 1990 gelang es dem Auktionshaus, mit einem Konvolut von Briefen die Diskussion um die Identität des mysteriösen Erfolgsautors B. Traven neu anzufachen. Für Literaturwissenschaftler waren die handschriftlichen Dokumente aus dem Besitz der Witwe eine Sensation, dokumentierten sie doch die Korrespondenz des in Mexiko lebenden Autors des Totenschiffs mit seinen deutschen Verlagen.

Blättert man durch die drei aktuellen Kataloge (Auktionen 18. bis 26. Mai), erweisen sie sich wieder, mit reicher Bebilderung, grafisch übersichtlicher Gestaltung,gutem Druck sowie einem Register als fundierte und attraktive Informationsquelle.

Das führende Haus für alte Grafik schlug am 18. Mai unter 32 Blättern von Albrecht Dürer den Kupferstich Die Nemesis oder das große Glück um 1501/02 für 100 000 Mark zu (Taxe 120 000 Mark). Ebenso gefragt, auch weil nach Auskunft von Bassenge noch nie komplett angeboten, war eine Suite von vier Landschaftsradierungen aus der Umgebung von Neapel (1777-1779) des 1737 in Prenzlau geborenen Jakob Phillip Hackert, dem Landschaftsmaler der Goethe-Zeit. Weit über dem Gebot von 6000 Mark gingen sie für 16 000 Mark weg. Tags darauf entzückte unter einer ganzen Reihe von Blättern von Heinrich Zille auch die deftige Farbkreidezeichnung mit Aquarellfarben Im Familienbad, die sich ein Liebhaber für 30 000 Mark leistete. Ob Katzennarr oder nicht: 190 000 Mark, nahe der geschätzten 200 000 Mark, brachte die komplette Mappe Les Chats mit zehn farbigen Aquatinta-Radierungen auf kaiserlichem Japanpapier von Tsuguharu Foujita um 1930, bei dem japanische Stilsprache und westliche Kunstformen aufs Köstlichste melangieren.

Bei der jüngsten Buchauktion Ende April verzeichnete Bassenge unter den Autografen Erlöse weit über dem Schätzpreis. Auf 90 000 Mark war ein mit Zeichnungen versehener Brief des französischen Philosophen und Mathematiker René Descartes von 1638 taxiert, für fast das Doppelte, 170 000 Mark, wurde er zugeschlagen. Zu fast dem Dreifachen des geschätzten Preises, für 120 000 Mark, erwarb ein Sammler einen Brief von Max Pechstein aus dem Jahr 1917, den er vom Krankenbett an seinen Freund Paul Fechter geschrieben hat und dessen obere Hälfte eine kolorierte Federzeichnung schmückt. In der Kategorie alte Drucke ragte ein typikon kai ta aporrita (um 1545) aus Griechenland heraus.