Noch ein Dylan-Buch? Nochmals das Zitat aus dem Magazin Time über die Stimme des Jungen aus Minnesota, die klang wie aus dem Tuberkulosesanatorium?

Nochmals den Streit ums elektrische Gitarrenspielen, nochmals den Motorradunfall, den Rückzug, die Wiederkehr, die Bekehrung, die Rückbesinnung? Nochmals die versoffenen Platten der Achtziger, die Endlostour der Neunziger, die schwere Krankheit, die Einkehr beim Papst? Ja, nochmals: Willi Winkler erspart uns nichts. Einziger Trost: Er durcheilt Dylans Leben und Werk im Laufschritt, ein atemloses Biografen-Jogging, schön an der Oberfläche entlang, gelegentlich in Klammerbemerkungen ausbrechend, die Persönliches ankündigen, aber wenig Persönliches preisgeben, nicht über den Sänger und nicht über den Autor.

Braucht man solche Bücher? Die Frage ist schon, ob man die Platten braucht.

Dylans meiste Veröffentlichungen scheinen bloß für uns Verrückte gedacht, die immer noch in seine vielen Konzerte gehen in der Hoffnung, die definitive Version von Liedern zu erleben, die er vor 40 Jahren geschrieben hat. Das ist eine zwiespältige, aber faszinierende Erfahrung. Dylans Werk reizt bis heute zur Deutung und zum Widerspruch. Der Brite Michael Gray brauchte tatsächlich 900 eng gesetzte Seiten, um die lyrische Kraft und den assoziativen Reichtum dieses Werkes zu fassen. Winkler genügen knapp 200, und auf das Werk geht er nur wenig ein. Sein Vorwurf an den Poptheoretiker Greil Marcus, er sähe bei Dylan "überall Verbindungen", kann man ihm nicht machen.

An die Stelle der Analyse tritt bei ihm die flotte Schreibe, der leicht angeekelte Spott eines Autors, der sich mit einer simplen Analogie - Dylan als Jesusfigur, von den Seinen wie ein Gott gefeiert - und einer simplen These - seit den Mittsiebzigern krächzt sich der Herr seinem endlosen Ende entgegen - aus der Affäre zieht. Natürlich sind die Exegesen der dylanschen Ordnungsgemeinschaft mitunter nicht zu ertragen. Diese klebrigen Bekenntnisse der Fans im Internet

diese Bereitschaft der Gemeinde, noch den baufälligsten Auftritt zum Widerstand umzudeuten

diese aufdringliche Innigkeit, mit der dem Mann begegnet wird, den man mit seiner Figur verwechselt. Und die so gar nicht zur Distanz passt, auf der Dylan selbst immer bestanden hat, zu seiner störrischen Skepsis und seinem Pessismismus, der in immer lakonischeren Blues-Chiffren beklemmend besungen wird. Wenn etwas an diesem sturen Alten nach Tod riecht, dann die Verehrung derer, die ihn schon jetzt in die Unsterblichkeit hineinhimmeln.