Seit Jahren schon wird der Turm zu Pisa behandelt wie ein Todkranker auf der Intensivstation, sein siecher Körper ist verkabelt und mit 120 Sensoren übersät, die nun alle fünf Minuten einen Lagebericht ins Kontrollzentrum funken. Doch je mehr man forscht, desto unerforschlicher zeigt sich der Kampanile; je akribischer die Baudoktoren ihn kontrollieren, desto weniger glauben sie an seine Kontrollierbarkeit. An manchen Tagen erscheint er ihnen als ein Wesen von höchster Eigenwilligkeit.

Lange hatten sie an die Gutmütigkeit des schiefen Alten geglaubt, er würde es schon noch einige Jährchen machen. Doch als ein paar hundert Kilometer entfernt, im Örtchen Pavia, ein kerzengerader Kampanile zusammenstürzte, einfach so, ohne Vorwarnung, waren sie doch beunruhigt. Sie fütterten ihre Computer, ließen einige Was-passiert-dann-Programme laufen und stellten verblüfft fest, dass der Turm eigentlich hätte längst am Boden liegen müssen. In ihren Simulationen jedenfalls fiel er bei einer Neigung von 5,44 Grad. Die Wirklichkeit aber hielt ihn - obwohl bereits um 5,5 Grad (oder fast 4,5 Meter) aus der Senkrechten gekippt. Den Sicherheitsbedachten war das der Unbegreiflichkeit zu viel, kurzerhand ließen sie das schräge Nationalsymbol am 7. Januar 1990 sperren. Niemand wusste damals, ob man die Fallsucht überhaupt kurieren könne und ob sich jemals wieder Besucher hinaufwinden würden, um die gekippte Weltordnung am eigenen Leibe zu erfahren.

Eine Kommission wurde berufen, um dem Kampanile wieder aufzuhelfen; es war bereits die 17. in der fast 800-jährigen Turmgeschichte. Alle diese Räte waren voller Selbstgewissheit angetreten und hatten gleichwohl den Verfall des Denkmals nur beschleunigt, immer waren aus Rettern Zerstörer geworden. Besonders optimistisch war also niemand, dass es ausgerechnet dieser Kommission anders ergehen könnte. Und doch: Es ist ihr gelungen, das Unabwendbare ist gewendet. Die Kräne sind abgerückt, die Fräsen eingepackt, alle Haltetaue wurden gekappt, denn erstmals hat sich der Turm wieder aufgerichtet, ein bisschen zumindest. Nun neigt er sich 40 Zentimeter weniger als zuvor, und das reicht, um seine Rettung zu feiern. Am 16. Juni wird er in die Obhut der Stadt zurückgegeben, und von November an sollen auch Touristen wieder die 293 Stufen emporsteigen dürfen.

Über eine Million Turmlustige waren im Jahr vor der großen Sperre gekommen, um die stabile Instabilität dieses Bauwerks zu bewundern. Nach der Restaurierung ist der Kitzel zwar nicht mehr ganz so mächtig, nicht länger kommt man mit dem Gefühl nach Pisa, schon morgen könnte alles vorbei sein. Dennoch werden sich die Menschen weiterhin angezogen fühlen, mehr als von den Ruinenfeldern Roms oder den venezianischen Trunken- und Versunkenheiten. Der Turm bleibt ein Sinnbild: Er ketzert der Schwerkraft, lehnt sich gegen die Prinzipien der Schöpfung, in ihm symbolisiert sich das Ringen zwischen Kunst und Natur. Sonst ist es ja oft die Perfektion der Dinge, ihre Unübertrefflichkeit, die uns begeistert. Hier hingegen begegnet uns die Vollkommenheit des Unvollkommenen - und diese fasziniert noch viel mehr.

Geplant war ein solches Wankelwerk natürlich nicht. Einen stolzen Turm hatte man errichten wollen, so erhaben und kühn konstruiert wie kein anderer zuvor. Die halbe Stadt war herbeigeströmt, um bei der Grundsteinlegung am 9. August 1173 dabei zu sein; viele hatten gespendet, einige wie die reiche Witwe Berta di Bernado ihr Erbe hergegeben, damit der Prachtbau entstehen konnte. Endlich sollte der gloriose Dom, der bereits einige Jahre zuvor vollendet worden war, einen Glockenturm bekommen. Doch sahen viele Menschen in dem Kampanile mehr als nur das Manifest religiöser Hoffnungen: Er sollte auch von ihrem Patriotismus künden.

Ähnlich war schon die Kathedrale als eine Art Werbeträger geplant worden, die Stadt wollte sich ein Denkmal der eigenen Herrlichkeit setzen. In einer wilden Seeschlacht bei Palermo hatten die Pisaner 1063 die Sarazenen geschlagen, hatten üppige Schätze mit nach Hause gebracht und finanzierten damit den Bau der 100 Meter langen Kirche. Dafür wählte man nicht ein Grundstück im Zentrum, sondern eines am Rande. Nichts Alltägliches sollte dem Gebäude anhaften, man wollte etwas Entrücktes errichten, etwas Überweltliches.

Die Stadt wird Weltmacht