Es gibt viele Möglichkeiten, Philosophie zu definieren. Eine davon geht so: Philosophie sei, sagt der Theologe, wenn jemand in einem absolut dunklen Raum mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist. Theologie aber ist, erwidert der Philosoph, wenn jemand in einem absolut dunklen Raum und mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist, und ruft: "Ich hab sie."

Philosophen und Theologen tun demnach dasselbe. Sie suchen das Absolute, das unbedingt Gewisse, die schwarze Katze, nur mit dem Unterschied, dass die Theologen behaupten, sie hätten die Katze im Sack. Das heißt aber auch: Philosophen, sind in dem Augenblick, in dem sie diese Behauptung nachbeten, ebenfalls Theologen.

Dieses Bonmot mit seinem Anflug von Witz gehört an den Anfang eines Antipamphlets über den fehlenden Nutzen eines Pamphlets von Ludger Lütkehaus über den "fehlenden Nutzen der Universitätsphilosophie für das Leben". Denn es ist ein schlechter Witz, den dieses Pamphlet kredenzt, einer, dessen Bart beinahe so lang ist, wie die Philosophiegeschichte alt ist. Seit den fernen Tagen des Thales, der beim Denken in eine Zisterne fällt, und des Sokrates (des Vor- und Urbilds aller Philosophen), der von Aristophanes in eine Welt über den Wolken versetzt wird, lacht man über die sonderliche Spezies von Denkern, die mit dem handfesten, dem so genannten wahren Leben nicht zurechtkämen.

Seit der Neuzeit und dem aufkommenden ökonomischen Kalkül wird der Tonfall fordernder. Der Nutzen wird zum großen Idol der Zeit, dem sich alles unterwerfen soll. Nun werden Vorwürfe wie "Kathederphilosophie", "Staub der Archive" und schließlich "Glasperlenspiel" zur gängigen Ware, und Lütkehaus, immerhin Professor und geschätzter Autor, reicht sie billig weiter.

Nicht einmal in einem Nebensatz taucht der Gedanke auf, dass auch das Nutzlose seinen Wert haben könnte. Wem aber soll nun die Schelte nützen? Diejenigen, die nicht zu den Universitätsphilosophen gehören oder wenigstens, da sie doch verbeamtet sind, nicht zu ihnen gehören wollen, können sich selbstzufrieden bestätigt sehen. Und diejenigen, die formal dazugehören, werden sich wundern, vielleicht auch ärgern über die kuriose Ansammlung von Klischees bei einem Menschen, der das Denken, also die Zersetzung von Klischees, zu seinem Beruf gemacht hat.

Kurioser aber muss noch erscheinen, wie wenig er bemerkt, dass er sich in dem, was er verspottet, negativ spiegelt, dass er also einem psychologisch bekannten Abwehrmechanismus unterliegt. Denn wenn ein Universitätsphilosoph "nichts anderes gelernt hat, als die zehntausendste Interpretation von X, Y und Z triumphal mit der zehntausendundersten zu überbieten", hat Lütkehaus nichts anderes zu bieten, als der neuesten Streitschrift wider die akademische Philosophie die allerneueste folgen zu lassen. Das Pamphlet gehört selber zu jener rotierenden Praxis des Textrecyclings, mit der es nichts zu tun haben will.

Punkt für Punkt könnte man denn auch die Anwürfe abhaken und sie im Abfalleimer verschwinden lassen. Und immer wieder stellte sich die Frage: Wovon spricht der Pamphletist überhaupt? Gibt es "die" Universitätsphilosophie, die "wie gebannt auf die Wissenschaften starrt"? Sollte Lütkehaus die Auseinandersetzungen der vergangenen zwanzig Jahre nicht registriert haben, die im (wenn auch zweifelhaften) Zeichen der Postmoderne geprägt waren von einer neu aufgeflammten Vernunftkritik und der Rehabilitierung der Ästhetik? Wo sind die Belege?