Im Lagerraum fürs Lebensglück sind Rostflecken auf dem Linoleumboden. Die Ecke hinter der Tür müsste mal wieder ausgefegt werden, und wenn die Frachtkisten nicht bald abgeholt werden, fällt noch jemand über die Kartons und schlägt sich den Kopf an den Tankflaschen auf. Der Handwerker zum Beispiel, der mit einem riesigen Schraubenschlüssel durch den Verhau steigt und Leitungsrohre abklopft. Aus den Stahlkesseln steigt Dampf, man schnuppert unwillkürlich nach den Spuren von Bratfett. Aber die Luft ist geruchlos und der Dampf eiskalt. Die Laborantin kommt und versenkt das Röhrchen von Samenspender 3386 in flüssigem Stickstoff. Spender 3386 hat einen weißen Plastikdeckel - eine wichtige Vorsichtsmaßnahme gegen den klassischen Betriebsunfall in einer amerikanischen Samenbank: Die Kunden haben für 195 Dollar (zuzüglich Versandkosten) einen Kubikzentimeter Sperma eines weißen Spenders bestellt - und neun Monate später kräht ein schwarzes Baby in ihrer Wiege. Eine hübsche Zivilklage würde das geben.

Doktor Rothmans California Cryobank, Inc. wirbt mit 20 Jahren Erfahrung ("Ihr Erfolg ist unser Erfolg"), mit strengsten Kontrollen und der größten Spermaauswahl der Branche. Auch Minderheiten sind im Angebot. Im Stickstofftank blickt man auf die multiethnische Gesellschaft der Samenspender: weiße Plastikhütchen neben schwarzen, Gelb steht für asiatisch, Rot für den Rest: Indianer, Latinos oder unübersichtliche Fälle wie Nummer 757, der seine Herkunft mit "afroamerikanisch, frankokanadisch, irisch, indianisch" angibt. Auch dafür gibt es einen Markt. Manche Kunden möchten mischen.

Doktor Rothman, der von allen Cappy genannt wird, hat mit 63 Jahren die Fürsorglichkeit eines zerstreuten Hausarztes. Als leiblicher Vater von drei Kindern musste er die Errungenschaften der Fortpflanzungstechnologie selbst nie in Anspruch nehmen, und überhaupt hält er sich in Sachen Familienplanung für einen "ziemlich konventionellen Typ". In der Forschung ist er vor allem durch die Technik der "postmortalen Spermaentnahme" berühmt geworden. Rothman eilt im Auftrag von Angehörigen ans Totenbett und entnimmt der Leiche Samen, auf dass die Witwe sich später damit künstlich befruchten lassen kann oder die Eltern des Toten eine Leihmutter suchen können. "Ein kleiner Einschnitt in den Hodensack - und da waren sie: Spermien über Spermien, in bestem Zustand." Ehrfurcht schwingt in der Stimme mit.

Als Anfang der achtziger Jahre die Angst vor Aids um sich griff, eröffnete der Urologe mit dem Spezialgebiet Männerheilkunde gleich neben der Praxis seine erste Samenbank, ließ alle Spender auf Aids, Hepatitis und allerlei andere Krankheiten testen und garantierte fachgerechte Lagerung des Produkts für sechs Monate im Quarantänetank. Die Qualitätsmerkmale seiner Lieferanten - von der Hautfarbe über Körpergröße bis zur mathematischen Begabung - ließ er katalogisieren und die Ware von nun an per Post ausliefern. Die California Cryobank, ein früher Versandhandel zur menschlichen Fortpflanzung, machte den Patienten zum Kunden und Cappy Rothman zum Pionier einer Branche, dem die Dreifaltigkeit dieser neuen Zeit gewaltige Absatzmärkte beschert: Im Namen des Reproduktionsforschers, des Konsumenten und des Internet scheint alles möglich. Entdeckertypen wie Rothman würden das im Kern nicht bestreiten, nur anders formulieren: Amerika stand immer schon für die Verheißung, dass der Einzelne nicht Gefangener seines Schicksals, sondern Gestalter seines Lebens ist. Warum soll das nicht gelten, wenn es um den Nachwuchs und seine Gene geht?

Rothmans Firma ist mit dem technischen Fortschritt gegangen. Man kann bei der California Cryobank nicht nur das Sperma von Lebenden und Toten in flüssigem Stickstoff deponieren, sondern auch Stammzellen von Neugeborenen - entnommen aus dem Blut der Nabelschnur. Im Internet abrufbar ist die Preisliste für die Lagerung von Embryonen, die bei In-vitro-Fertilisationen (IVF) übrig geblieben sind. 265 Dollar pro Jahr. Währenddessen können die Besitzer über die weitere Verwendung grübeln: Wegwerfen, austragen, spenden?

Rothman, der Arzt und Reproduktionsunternehmer, forscht längst nicht mehr allein an der Optimierung des Spermas. Wie vielen unfruchtbaren Frauen könnte wohl helfen, wer in einer genetisch manipulierten Maus Eier aus dem weiblichen Eierstock heranreifen lässt, die dann künstlich befruchtet und wieder in die Gebärmutter einsetzt? Rothman probiert es aus, derzeit noch an einem Weibchen der Silberrückengorillas, im Zoo von Salt Lake City.

Sperma ist immer noch der Hauptartikel im Angebot der California Cryobank. Sie verkauft etwa 2000 Samenportionen pro Monat - bestellt und ausgewählt übers Internet, verpackt in tragbaren Stickstofftanks, für die 100 Dollar zu hinterlegen sind. Man liefert in 45 Länder und innerhalb der Vereinigten Staaten auch über Nacht, was als overnight male in die Umgangssprache eingegangen ist. Der statistisch dokumentierte Niedergang der traditionellen Ehe hat Rothman neue Zielgruppen erschlossen. Rund 40 Prozent der Bestellungen bei der California Cryobank kommen von alleinstehenden Frauen, die sich ein Kind leisten und einen Partner ersparen wollen.