I. Hinteransicht

Deutlich sehen wir die Hinterkopfglatze und einen kurzen, faltigen Hals. Die verbleibenden Haare sind leicht pomadisiert und zwei Zentimeter über dem Kragen geschnitten. Wir sehen eine dunkelblaue Jacke, den Ansatz eines leicht gebeugten Rückens. Wir sehen die Hinteransicht eines älteren Herrn.

Berlusconi war in jeder Hinsicht viel jünger, als er mit 58 Jahren, im Frühjahr 1994, zum ersten Mal als Ministerpräsident in den Palazzo Chigi einzog und dort gerade sieben Monate blieb. Er ist inzwischen bald 65 und stellt nicht mehr wie damals das Neue dar: einen effizienten Großunternehmer in der Politik. Seine Ansichten sind entweder Allgemeingut geworden oder inzwischen überholt: Der Privatisierungsschub wurde in Italien von seinen Nachfolgern eingeleitet, ebenso eine Rentenreform, eine partielle Entbürokratisierung, eine (geringe) Senkung der Lohnnebenkosten, größere Flexibilität der Anstellungsbedingungen, eine Schulreform, der Abbau des Schuldenbergs.

Geradezu greisenhaft nimmt sich jedoch Berlusconis Antikommunismus aus. Seiner Meinung nach wurde Italien in der letzten Legislatur von Stalinisten regiert, und es scheint ihm ein Wunder, dass es noch freie Unternehmer (wie ihn selbst) und eine halbwegs funktionierende Marktwirtschaft gibt. Seit er in die Politik eingestiegen ist, wähnt sich der Mann von Kommunisten umzingelt, und das in einem Land, in dem Fausto Bertinottis Rifondazione Comunista einen Wähleranteil von weniger als fünf Prozent aufweist und der Chef der Democratici di sinistra (einst PCI), Walter Veltroni, die Vereinigten Staaten als seine zweite Heimat und John F. Kennedy als sein Vorbild bezeichnet.

Berlusconis antikommunistische Obsession, die ohne reale Kommunisten auskommt, zeigt nicht nur, in welchen veralteten Kategorien der Mann denkt, sondern auch, wie wenig er sich von seiner kleinbürgerlichen Herkunft und den kleinbürgerlichen Ressentiments hat lösen können. Berlusconi ist ein Parvenu, der nie von Italiens traditionsreichen kapitalistischen Familien akzeptiert wurde: ein Aufgetauchter, Hinzugekommener aus dem Vagen, Undefinierten, ein wenig Vulgären. Dieses Vage, Undefinierte ist die Kultur des italienischen Kleinbürgertums der fünfziger Jahre, sein emotionales Denken, sein Konformismus, aber auch seine Zähigkeit, der Ehrgeiz der Zukurzgekommenen, seine Skepsis gegenüber der Politik und sein ausgeprägtes Feindbedürfnis zur Versicherung der eigenen unklaren Identität stammen daher.

Berlusconis Vater war ein höherer Angestellter einer Mailänder Bank, die Mutter Hausfrau. Die Familie litt gewiss nicht Hunger, aber die Position des Vaters war abhängig von der Befolgung einer Reihe von ideologischen Ritualen, die sich im Antagonismus zu den kommunistischen Dogmen geformt hatten. So beschreiben Berlusconis Biografen, Giovanni Ruggeri und Mario Guarino, den Jungen und den jungen Mann: "Die Hausaufgaben hatte er immer in Windeseile erledigt und half dann seinen Banknachbarn, von denen er Bonbons oder kleinere Tauschobjekte verlangte. Am liebsten aber waren ihm zwanzig oder fünfzig Lire. Nachdem er das Gymnasium beendet hat, schreibt sich Berlusconi an der staatlichen Universität in Mailand für das Studium des Rechts ein. Nebenbei verdient er Geld, indem er Staubsauger in der Nachbarschaft verkauft. In den Sommerferien schifft er sich als Animateur auf den Kreuzfahrtschiffen der Reederei Costa ein: Auf den Fahrten über das Mittelmeer erheitert er das Publikum mit Sketchen, bei denen er einen Strohhut auf dem Kopf trägt und Lieder von Nat King Cole und Frank Sinatra singt." Ein geborener Schauspieler also, in jener Sparte jedoch, deren Publikum sich vor allem aus Kleinbürgern zusammensetzt: dem Melodram, der Operette, dem Schwank.

Berlusconi hat früh und in extremer Ausprägung ein geschlossenes und einfaches Weltbild entwickelt, wie es den permanent von sozialem Abstieg und Proletarisierung bedrohten Kleinbürgern entspricht. Dazu kommt noch das Exaltierte, Überbordende, Auftrumpfende des Parvenus, der bei jeder Gelegenheit zeigen muss, dass er es geschafft hat. Bezeichnend ist seine Äußerung: "Wir sind stark, superstark. Wir sind sehr stark. Wir sind das Maximum. Für die anderen gibt's nichts."