Jannis Andrae, 17, erwischt es auf Kuba. Der Magen revoltiert, er muss ins Krankenhaus. Dabei hatte er zuvor 21 Tage hohe See ohne Übelkeit durchgestanden - im Dreimaster quer über den Atlantik. "Das Essen auf Kuba war so fettig", sagt er. In dem schäbigen kubanischen Krankenhaus packte ihn dann noch das Heimweh. "Da war der Jannis eben am Ende seiner Kräfte", sagt seine Lehrerin Ruth Merk, 33. Nach sechs Monaten Fahrt hat das Segelschulschiff Thor Heyerdahl vor kurzem in Wilhelmshaven festgemacht. Die Zeit auf dem Schiff hat jeden Mitsegler mal an einen Tiefpunkt gebracht. "Man ist ständig mit Leuten zusammen", erklärt Jannis, "auch, wenn man es gar nicht will." Privatsphäre gibt es an Bord nicht. Sogar geschlafen wird zu sechst - in engen Kammern. "Allein sein kann man nur im Mast", sagt Jannis. Das sei extrem anstrengend, aber lehrreich: "Es stärkt die soziale Kompetenz."

Die Thor Heyerdahl segelt unter der Fahne der Erlebnispädagogik. Revolutionär war die, als Kurt Hahn sie in den zwanziger Jahren entwickelte. Damals waren Lehrer noch Pauker, die ihre Schüler stur auswendig lernen und bei Versagen den Rohrstock spüren ließen. Kurt Hahn predigte dagegen, die Theorie müsse in der Praxis erlebt werden, um sie zu verstehen. "Lernen mit Herz, Hand und Verstand", reimte Hermann Lietz, der zweite Urvater der neuen Pädagogik. Die nach ihm benannte Schule auf der Nordseeinsel Spiekeroog initiierte denn auch den ungewöhnlichen Bildungsurlaub.

Auf der Thor, wie sie ihr Schiff liebevoll nennen, mussten die 23 Gymnasiasten aus ganz Deutschland richtig mit anpacken: rund um die Uhr Segel setzen, ein- und auspacken. Drei Wachdienste riggen, jeweils acht Stunden am Stück - selbst bei Windstärke zwölf im Nordatlantik, durchnässt und seekrank. Wer das aushält, dem wird im Abschlusszeugnis "Riggfestigkeit" bestätigt - die "Seemannschaft" ist ein regelrechtes Unterrichtsfach.

Auch die anderen Fächer beschäftigen sich hauptsächlich mit der direkten Umgebung. In Erdkunde wird erklärt, wie ein Riff entsteht, im Fach Gerätetauchen das Riff unter Wasser angeschaut. Oder: Nach einer Woche Spanischunterricht muss man sich allein in einer Gastfamilie in Guatemala zurechtfinden. In Biologie lernen die Schüler alles über Ökosysteme, wandern dann durch knöcheltiefen Schlamm hoch in den Nebelwald und wohnen bei Indianern - ohne Strom und fließend Wasser. In Physik steht die Mechanik des Segelns auf dem Lehrplan, die täglich an Deck erprobt wird; als Deutschaufgabe führen die Schüler ein Bordtagebuch, das für die Eltern direkt von Bord ins Internet gestellt wird.

Jannis stammt aus der Hafenstadt Kiel, konnte aber nicht segeln, als er an Bord ging. Inzwischen hat er den Dreimast-Toppsegelschoner vier Tage lang selbstständig als Kapitän geführt, nur anhand astronomischer Berechnungen hat er mit seiner Schülermannschaft die Azoren angesteuert. "Als die Inseln im Sonnenaufgang auftauchten, war das eine unglaubliche Erleichterung. Hätte ich den Sextanten nur einen Millimeter falsch gehalten, wären wir nicht angekommen", sagt Jannis stolz. Auch für den echten Kapitän war dieser Moment der Höhepunkt der Reise. Detlef Soitzek heißt er und ist einer der Erfinder der Schulschifffahrten - neben Hartwig Henke, dem Leiter des Hermann-Lietz-Internats auf Spiekeroog. Seit 1993 leitet Soitzek die Segeltörns, die von Deutschland via Teneriffa hinüber in die Karibik führen, dann an der amerikanischen Küste hoch und über den Nordatlantik zurück nach Europa.

Soitzek, 49, sieht so aus, wie man sich einen Kapitän vorstellt: stetiger Blick über Vollbart. 1977 begleitete er Thor Heyerdahl auf einer seiner berühmten Schilfboot-Expeditionen. Deshalb hat er das Schiff nach dem norwegischen Forscher benannt, den die Schüler auf ihrem Landgang in Teneriffa kennen lernen durften.

Vor jeder Antwort macht Kapitän Soitzek eine Pause bedächtigen Überdenkens - eine Angewohnheit, die verrät, wie viel Verantwortung er zu tragen gewohnt ist. "Wenn alle Schüler gesund von Bord sind, plumpst mir jedes Mal ein Stein vom Herzen", gibt er zu. Ein Kapitän kann sich keine Fehler leisten, denn sie können tödlich sein. "Der Kapitän muss auch unpopuläre Entscheidungen fällen", sagt Detlef Soitzek. Er strich schon mal den Landgang und verdonnerte die Schüler stattdessem zum Schiffsentrosten. Und wenn die Toiletten wieder mal schlecht geputzt waren, brüllte er manchmal, damit wieder "rein Schiff" gemacht wurde. "Ich habe mich bemüht, das als Kapitän anders zu machen", sagt Jannis, stellt jedoch ohne jede pubertäre Auflehnung fest: "Detlef ist eine Respektsperson, ein Vorbild."