Nein, "so könnte ich nicht wohnen". Empört steht Klaus Möhle, Landesvorsitzender der Bremer Grünen, vor dem Jacobshof, einem Wohnprojekt in Niedrigenergiebauweise im ländlichen Stadtteil Borgfeld. "Bei aller Liebe zur Ökologie", sagt er, "man darf doch die Menschen nicht dazu zwingen, das Richtige zu tun." Anlass für den Gefühlsausbruch des Ökopartei-Funktionärs: Die Fenster in dem energiesparend grundsanierten ehemaligen Bauernhof lassen sich nicht kippen. "Luftdicht bauen und kontrolliert lüften", das sei die Quintessenz beim Bau von Niedrigenergiehäusern, hatte der Architekt gerade doziert. Als "kleine pädagogische Maßnahme" habe man deshalb Fenster eingebaut, die das energieverschwendende Dauerlüften unmöglich machen.

Als "arrogante Bevormundung" empfindet das der grüne Landesvorsitzende. Privat wohnt er in einem selbst gebauten Lehmhäuschen im alternativen Ökodorf Lesum. Lehm sorge für natürlichen Feuchtigkeitsaustausch und schaffe damit ein "extrem gutes Raumklima" - überhaupt nicht zu vergleichen mit dem Gefühl von "Plastik und Beton" in dem modernen Niedrigenergiehaus.

Horror vor der Ökodiktatur

Möhle heizt mit Holz und reißt auch gerne mal die Fenster auf. Eine automatische elektrische Dauerlüftung wäre ihm ein Graus. Mit seinem Horror vor der Ökodiktatur im Niedrigenergiehaus steht der grüne Politiker keineswegs alleine. Wer sich die Heizkosten leisten kann, wohnt oft lieber in einem schlecht isolierten Altbau mit 3,50 Meter hohen Decken als in einem der perfekt aufs Energiesparen getrimmten Neubauten. Doch ist das schlechte Image moderner Niedrigenergiehäuser, wie sie in Bremen, Freiburg oder Berlin-Kreuzberg entstanden sind, wirklich berechtigt?

"Es ist sehr angenehm, hier zu wohnen", sagt einer, der es wissen müsste. Andreas Markowski gehört zu den ersten Bewohnern der "Solarsiedlung" im Freiburger Stadtteil Merzhausen. Hier wurde von der Solaranlage bis zum Wärmetauscher fast alles eingebaut, was zurzeit an Niedrigenergieausstattung auf dem Markt ist. "Die Wände sind immer warm, wir haben viel Licht und Holz in der Wohnung, und sobald die Außentemperatur über null Grad liegt, müssen wir nicht mehr heizen", freut sich Markowski. Von schlechter Luft könne keine Rede sein. Im Gegenteil: "Wir können ja so viel lüften, wie wir wollen. Aber wir brauchen es nicht, denn die Lüftungsanlage sorgt automatisch für ein ideales Raumklima. Darum müssen wir uns nicht mehr kümmern, das nenne ich Komfort."

Auch der Architekt Jochen Schmidt, der für die Planung des Bremer Jacobshofs verantwortlich war, hat vor allem positive Rückmeldungen der Bewohner bekommen. Geradezu begeistert sind sie von der Nebenkostenabrechnung. Die durchschnittlichen Heizkosten liegen um 75 Prozent unter dem, was in einem normalen Gebäude anfallen würde. Besonders sparsame Mieter zahlen für die Heizung ihrer 100-Quadratmeter-Wohnung weniger als 200 Mark - im Jahr.

Die älteste Bewohnerin des Jacobshofs lag mit ihren Heizkosten allerdings erheblich höher, inzwischen ist sie wieder ausgezogen. "Die alte Dame war sehr uneinsichtig", klagt Architekt Schmidt, "wenn ihre Heizkörper kalt waren, dachte sie, die Heizungsanlage sei kaputt, hat bei mir angerufen und alle Regler verstellt." Und dann habe sie immer die Schlitze für die Zuluft geschlossen und Decken vor die Spalte unter den Türen gelegt, weil sie das Gefühl hatte, es ziehe. Doch diese Schlitze sind Teil der ausgeklügelten Luftzirkulation, ohne die ein Niedrigenergiehaus nicht funktioniert. "Gründliche Beratung ist sehr wichtig", hat Jochen Schmidt gelernt.